Wärmewende in Pinneberg: Fernwärme-Ausbau, Gasnetz-Rückbau und neue Ideen mit Manfred Schlott

Die Wärmewende ist kein Projekt, das auf dem Reißbrett entsteht – sie ist ein Marathon zwischen Technik, Wirtschaftlichkeit, politischem Rahmen und gesellschaftlicher Akzeptanz. In der aktuellen Podcastfolge von Energie im Wandel spreche ich mit Manfred Schlott, Betriebsleiter für Fernwärme sowie Gas- und Wassernetze bei den Stadtwerken Pinneberg. Ein Mensch, der Veränderung nicht scheut, sondern aktiv sucht. Und einer, der Klartext redet.

Bereits im Podcast fasste ich die Situation so zusammen: „Ich glaube, du bist im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle.“ Warum? Weil die Wärmewende in Pinneberg weder ein theoretisches Gedankenspiel noch eine isolierte Einzelmaßnahme ist. Sie ist ein komplexes Transformationsprojekt, das Mut erfordert – und zugleich ein präzises Verständnis für technische und wirtschaftliche Wirkzusammenhänge.

Dieser Blogbeitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus unserem Gespräch zusammen – erweitert, vertieft und eingeordnet. SEO-optimiert, in klaren strukturierten Abschnitten, und mit praktischen Impulsen für alle, die kommunale Wärmeversorgung gestalten oder neu denken möchten.


1. Wer ist Manfred Schlott – und warum lohnt es sich, zuzuhören?

Manfred Schlott bringt eine ungewöhnliche Karriere mit: vom Schiffsmechaniker über Anlagenautomatisierung bis hin zum Germanischen Lloyd. Kein typischer Stadtwerker – und gerade deshalb ein wertvoller Blick von außen. Seit einigen Jahren ist er technisch-strategischer Kopf für Fernwärme und Netze in Pinneberg.

Er sagt über sich selbst, er liebe Veränderungen. Und dieser Satz erweist sich im Interview als roter Faden. Seine Perspektive ist pragmatisch, systemorientiert und frei von ideologischen Scheuklappen. Genau diese Haltung brauchen kommunale Versorger in einer Zeit, in der ganze Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand stehen.


2. Die Ausgangslage: Zwei Wärmenetze, ein starkes Rückgrat und viel Wachstumspotenzial

Die Stadtwerke Pinneberg haben historisch gewachsene Strukturen – ein großes zentrales wärmegeführtes Netz mit Müllheizkraftwerk (MHKW) als Hauptquelle sowie ein zweites, kleinteiliges BHKW-Netz.

Die Eckpunkte:

  • 20 MW Wärmeleistung aus dem MHKW, bald durch Modernisierung rund 25 MW

  • sekundäre Netze aus alten Heizhäusern, die über Wärmetauscher eingebunden sind

  • geplanter Ausbau auf 50 MW aufgrund der kommunalen Wärmeplanung

  • aktuell keine großen Wärmespeicher, aber Pläne für einen Tagesspeicher

Die Fernwärme in Pinneberg hat also bereits ein Fundament, das viele Stadtwerke sich wünschen würden: stabile, stetige Abwärme aus Müll. Keine fossile Abhängigkeit, keine volatilen Brennstoffpreise – und langfristig verfügbar.

Doch die Herausforderungen liegen woanders.


3. Das MHKW – Grundlastmaschine mit Zukunftschancen

Die Müllverbrennungsanlage ist heute und künftig die tragende Säule der Pinneberger Wärmeversorgung. Durch die Modernisierung wird sie flexibler:

  • im Sommer mehr Strom,

  • im Winter mehr Wärme,

  • bessere Anpassbarkeit an die Nachfrage.

Einmal mehr zeigt sich: Abwärme ist ein unterschätzter Schatz der Wärmewende. Sie ist planbar, kontinuierlich und klimatisch hochrelevant.


4. Warum ein Wärmespeicher sinnvoll wäre – aber heute noch nicht gebaut wird

Manchmal ist Nichtstun die richtige Entscheidung. Manfred argumentiert: Solange das MHKW genügend Leistung liefert, lohnt sich ein Speicher wirtschaftlich nicht.

Ein Speicher wird erst dann relevant, wenn:

  • Lastspitzen steigen,

  • weitere Quellen integriert werden,

  • eine feinere Strom-Wärme-Optimierung sinnvoll wird.

Der entscheidende Punkt ist jedoch die Eigentümerstruktur: Das MHKW gehört nicht den Stadtwerken allein. Ein Speicher kann nur sinnvoll betrieben werden, wenn die Wärme-Strom-Erlösmechanik beider Unternehmen sauber abgestimmt ist.


5. Der große Hebel: Kommunale Wärmeplanung als Strategie-Booster

Pinneberg war eines der Stadtwerke, das die kommunale Wärmeplanung selbst durchgeführt hat. Ein strategischer Glücksgriff.

Denn dadurch:

  • liegen exakte Daten über Gebäudezustände, Energieverbräuche und Potenziale vor,

  • hat man direkten Bürgerkontakt,

  • entstehen belastbare Grundlagen für Netzplanung, Erzeugungsstrategie und Investitionen.

Diese Transparenz hat enormen Einfluss: Sie machte sichtbar, dass eine Verdopplung der Fernwärmeleistungrealistisch – und nötig – ist.

In einer der Veranstaltungen sagte ich selbst zu einem Bürger: „Wir reden ja von Gebäuden, nicht von Personen.“
Ein Satz, der vielen erst bewusst machte, dass Wärmeplanung immer generationenübergreifend ist.


6. Wie der Fernwärmeausbau wirklich funktioniert – ohne Turnhallen und Massenveranstaltungen

Viele Stadtwerke hoffen, neue Quartiere über große Infoabende zu überzeugen. In Pinneberg hat sich gezeigt:
Das funktioniert nicht.

Stattdessen setzt man jetzt auf:

  • Ankerkunden: Immobilienbesitzer, Wohnungsbaugesellschaften, Kirche, Stadt

  • Clusterbildung statt Einzelanschlüsse

  • strategische Partnerschaften bei ganzen Straßenzügen

  • gezielte Projektentwicklung statt Streuschuss-Ansprache

Damit die Fernwärme kaufmännisch tragfähig bleibt, müssen Leitungsinvestitionen überschaubar bleiben. Ein Einfamilienhaus als Einzelinteressent ist selten wirtschaftlich.


7. Warum Wärmepumpen und Fernwärme keine Gegner sind

Ein zentrales Thema im Gespräch: Die Differenzierung zwischen:

  • Einfamilienhaus-Neubau → prädestiniert für Wärmepumpen

  • Bestandsbauten 50er/60er → prädestiniert für Fernwärme

  • Mehrfamilienhäuser → wirtschaftlicher Sweet Spot der Fernwärme

Fernwärme ist dort stark, wo viele Kilowattstunden pro Anschluss benötigt werden. Wärmepumpen dort, wo Dämmung und geringe Vorlauftemperaturen möglich sind.

Manfred formulierte ein wichtiges Argument:
Eine Wärmepumpe kann man nur sinnvoll betreiben, wenn das Haus vorher gedämmt wird. Bei Fernwärme kann man die Dämmung später nachholen.

Das schafft Flexibilität und senkt Einstiegshürden für Haushalte.


8. Rückbau des Gasnetzes – das Thema, das niemand anfassen will

Hier wurde das Gespräch besonders deutlich.

Manfreds unmissverständliche Position:
Gasnetze werden auslaufen. Punkt.

Nicht 2025, nicht 2030 – aber sicher innerhalb der nächsten 15 Jahre.
Der Grund:

  • sinkende Anschlusszahlen

  • steigende Netzentgelte pro Kopf

  • gesetzliche Vorgaben wie das Energie- und Klimaschutzgesetz SH (Ende 2040)

  • wirtschaftliche Untragbarkeit kleiner Restnetze

Ich fasste zusammen, was viele unterschätzen:
„Es gibt Stadtwerke, die sagen 2030 wickeln wir ab – das ist in Pinneberg noch nicht so.“
Doch faktisch zeigt jede Prognose, dass die Dynamik sich ab Mitte der 2030er dramatisch beschleunigen wird.

Die entscheidende Frage lautet dann:
Wie nimmt man die letzten Kunden mit, bevor die Kosten explodieren?


9. Die Zukunft der Wärmequellen – ein Mosaik, kein Monolith

Pinneberg plant keinen großen neuen Einzel-Wärmeerzeuger. Stattdessen entsteht ein modularer Baukasten:

a) Abwasserwärmepumpe

Der zentrale Abwassersammler führt konstant warme Abwässer – ein verlässliches Temperaturniveau, selbst im Winter. Erwartet werden rund 2 MW Wärmeleistung.

b) Oberflächennahe Geothermie

Genehmigungsrechtlich einfach, lokal verfügbar.

c) Nutzung des Rücklaufs als Wärmequelle

Eine doppelte Win-win-Idee:

  • Rücklauftemperatur senken → Netzkapazität steigern

  • Wärmepumpe nutzen → zusätzliche Wärmequelle erschließen

d) Dezentralisierte Elektroheizstäbe

Nicht die große Power-to-Heat-Lösung, sondern:

  • kleine, steuerbare Sicherungskomponenten

  • verteilt auf viele Übergabestationen

  • Entlastung des Stromnetzes, weil die Leistung verteilt ist

e) klassische Spitzenkessel (auch mit Biokraftstoff)

Aus technischer Vernunft:
Für 200–500 Stunden im Jahr lohnt keine gigantische Wärmepumpe.

f) Zukunftsoption Saisonalspeicher

Aktuell noch wirtschaftlich nicht sinnvoll – aufgrund der geologischen Bedingungen in Pinneberg (hoher Grundwasserstand) teuer.


10. Elektromobilität, Wärmepumpen & Stromnetze – was kommt auf die Infrastruktur zu?

Manfred rechnet mit 4000 Wärmepumpen, die den Stromverbrauch der Stadt verdoppeln könnten. Das ist signifikant.

Doch die Last ist nicht gleichverteilt. Während der Westen Pinnebergs fast vollständig Wärmepumpengebiet wird, dominiert im Zentrum die Fernwärme.

Die Herausforderung:
lokale Netzverstärkungen statt pauschaler Neubauten.

Hinzu kommt das neue Nutzerverhalten durch dynamische Tarife. Die klassischen Standardlastprofile beginnen zu bröckeln – und mit ihnen die bekannten Planungsgrundlagen.


11. Warum Bürgerkommunikation entscheidender wird als Technik

Die Wärmewende ist ein sozialpsychologisches Projekt.
Menschen entscheiden nicht rational, sondern biografisch, emotional, finanziell. Deshalb ist Kommunikation entscheidend.

In den Veranstaltungen zur Wärmeplanung zeigte sich ein Muster:
Viele Menschen sagten: „Das betrifft mich doch gar nicht mehr.“

Darauf antwortete ich im Podcast:
„Das Gebäude wird es noch geben.“

Dieser Satz wirkt – denn er verschiebt den Fokus vom eigenen Lebenshorizont auf einen generationsübergreifenden Verantwortungshorizont.

Für erfolgreiche Wärmewende gilt:
Nicht verkaufen.
Verstehen. Vertrauen schaffen. Optionen zeigen. Mit dem Timing der Menschen arbeiten.


12. Investitionen und neue Finanzierungslogiken

Ein großes Thema, das auch in der Branche unterschätzt wird:
Die Wärmewende wird nicht nur technische Investitionen erfordern, sondern neue Finanzierungsmodelle.

Manfred formuliert es nüchtern:
„Große Maßnahmen werden wir nicht ohne Fremdkapital machen können.“

Die entscheidenden Zukunftsfragen sind:

  • Klassisches Bankdarlehen oder neue Investorenmodelle?

  • Beteiligungsmodelle für Bürger?

  • Private Equity im Infrastruktursektor – Fluch oder Chance?

  • Wie bleibt Fernwärme trotz hoher Investitionen preislich wettbewerbsfähig?

Diese Diskussionen stehen erst am Anfang.


13. Fazit – Die Wärmewende in Pinneberg ist ein Beispiel für mutige, pragmatische Transformation

Die Stadtwerke Pinneberg zeigen eines sehr klar:
Die Wärmewende ist machbar – wenn man bereit ist, ehrlich hinzusehen, mutig zu entscheiden und Schritt für Schritt zu handeln.

Das Gespräch mit Manfred Schlott hat eines deutlich gezeigt:
Fernwärme wird wachsen, Gas wird verschwinden, und die Zukunft besteht aus klugen Mischungen kleiner und mittlerer Bausteine.

Oder, wie er es selbst formuliert hat:
„Mein Plädoyer: Leute, alle ehrlich machen. Wir werden das Gasnetz irgendwann einfach tot in der Erde liegen haben.“

Ein Satz, der die Branche aufhorchen lässt – und den Startpunkt für eine neue Ehrlichkeit setzt.

Wenn du das ganze Gespräch hören möchtest, findest du die Podcastfolge hier:
👉 Podcastfolge mit Manfred Schlott