Einleitung
Der Gebäudesektor spielt eine zentrale Rolle in der Energiewende. Doch die Umsetzung scheitert zu oft nicht an der Technik, sondern an der Bürokratie. In dieser Podcastfolge von „Energie im Wandel“ spreche ich, Dr. Claus Hartmann, mit Axel Haas – einem leidenschaftlichen Kämpfer für praktikablen Brandschutz, effiziente Bauverfahren und eine Sanierungskultur, die sich rechnet und motiviert. Dabei geht es nicht nur um Fachfragen, sondern auch um Visionen, persönliche Werte und die großen Hebel, die eine Bauwende in Deutschland auslösen könnten. Denn Brandschutz und Bauwende laufen zusammen.
Zwischen Vision und Vorschrift: Deutschlands Sanierungsdilemma
Deutschland steckt in einem dichten Dschungel an Vorschriften, wenn es ums Sanieren oder Bauen geht. Der Brandschutz ist dabei ein Scharnier-Thema: Er soll Leben retten, darf aber nicht zum Bremsklotz der energetischen Sanierung werden. Axel Haas macht deutlich, wie eng Klimaschutz, Baurecht und Bürokratie verzahnt sind:
„Der Klimaschutz im Gebäudesektor beginnt nicht bei der Wärmepumpe, sondern beim Bauantrag“
Wie dramatisch die Situation ist, schildert Axel Haas eindrucksvoll anhand eines Beispiels. Eine Arztpraxis will in ein Mehrfamilienhaus ziehen und wird daran gehindert, weil die Holzbalkendecke den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht. Soetwas kann passieren.
Ein weiteres Beispiel aus Hannover zeigt, wie die Genehmigung eines Dachausbaus durch widersprüchliche Anforderungen von Feuerwehr, Grünflächenamt und Bauamt blockiert wird. Haas nennt es ein „Behörden-Pingpong“, das oft nicht auf baurechtlicher Grundlage, sondern auf subjektiven Bedenken basiert.
Brandschutz als Innovationstreiber
In der öffentlichen Wahrnehmung gilt Brandschutz oft als konservativ, rückwärtsgewandt oder teuer. Doch das Gegenteil kann der Fall sein, wie Axel Haas betont. Richtig eingesetzt, ist Brandschutz ein Innovationsmotor: Er zwingt Planer zu ganzheitlicher Betrachtung, fördert neue Materialien und Lösungen, und kann im Zusammenspiel mit digitaler Planung viele Prozesse beschleunigen. Das kann die Bauwende vorantreiben.
Ein Beispiel: Dämmstoffe wie Stein- oder Glaswolle sind nicht nur nicht brennbar, sie verbessern auch die Energieeffizienz. Haas meint beispielsweise, dass man eine Fassade dämmen und versiegeln kann, indem diese Produkte verwendet werden und nicht etwas Brennbares. Somit kann ausgeschlossen werden, dass, wenn es außen brennt, der Brand sich nach oben hin ausbreitet.
Menschliche Faktoren: Werte, Motivation und Verantwortung
Ein besonders berührender Moment im Podcast ist die persönliche Haltung von Axel Haas zum Thema Führung und Verantwortung. Geprägt durch seinen Vater, betont er:
„Wenn du mit Mitarbeitern zu tun hast […] lobe sie über den Klee, du brichst dir keinen ab und die freuen sich“.
Diese Wertschätzung trägt er auch in seine politischen und beruflichen Rollen. Denn wer Vertrauen aufbaut, schafft Verbindlichkeit – auch bei komplexen Genehmigungsprozessen.
Gleichzeitig kritisiert Haas eine Kultur der Verantwortungslosigkeit in deutschen Behörden. Seine Forderung: Zurück zur Verantwortung – mit Rückendeckung durch klare Gesetze und praxisnahe Auslegungen.
Politischer Kontext: Was läuft schief in Gesetzgebung und Umsetzung?
Der Rückgriff auf externe Bedenkenträger – Feuerwehr, Grünflächenamt, Denkmalpflege – sorgt laut Haas dafür, dass Verantwortung systematisch ausgelagert wird. Denn die Feuerwehr ist nicht haftbar für das, was sie sagt. Haftbar ist das Bauamt. Aber das Bauamt ist vermeintlich auf der sicheren Seite, weil die Feuerwehr etwas gesagt haben soll.
Was zunächst nach Sicherheit klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Innovationsbremse für die Bauwende. Denn in der Praxis führen übervorsichtige Entscheidungen zu langen Wartezeiten, hohen Zusatzkosten und absurden Anforderungen. Der Appell von Haas an die Politik lautet daher:
„Das heißt also, dort klar zu machen Liebe Leute im Bauamt, habt keine Angst vor Verantwortung, sondern haltet euch ans Gesetz. Dann bauen wir schneller und wir bauen kostengünstiger.“
Die Rolle der Energieberater: Zwischen Hoffnung und Mangel
Energieberater sollen Orientierung bieten. Doch in der Realität ist es schwer, qualifizierte Berater zu finden. Viele Hausbesitzer vertrauen stattdessen auf Online-Tools oder Baustoffhändler, wie Haas schildert:
„Ich bin losmarschiert und habe gefragt: Hey, habt ihr wen und könnt ihr aus dem Netzwerk wen empfehlen?“
Die Lösung? Haas plädiert für mehr Transparenz, Qualitätssiegel und digitale Vergleichsportale. Vor allem aber für einen systemischen Blick. Vorher sollte der Ist-Zustand sauber analysiert werden, denn sonst wird im zweifelsfall zu viel Geld ausgegeben.
Förderchaos: Wenn Bürokratie gute Ideen verhindert
Deutschland ist europäischer Förderweltmeister – zumindest auf dem Papier. Doch die Realität sieht anders aus. Anträge sind kompliziert, unübersichtlich und langsam. Haas fordert eine radikale Vereinfachung.
Er spricht sich für einen digitalen One-Stop-Shop aus: ID verifizieren, Katasterdaten automatisch auslesen, Antrag per Klick übermitteln. Dass das technisch längst möglich ist, zeigen Beispiele aus Estland und Dänemark.
„Wenn wir jetzt die berittenen Boten wieder einführen, würde mich nicht wundern“
, scherzt er – mit ernstem Unterton.
CO2-Preis und soziale Schieflage: Die tickende Zeitbombe
Ab 2027 wird der Emissionshandel auch den Gebäudesektor voll erfassen. Der CO2-Preis soll dann marktwirtschaftlich geregelt werden – mit massiven Kostensteigerungen. Haas warnt, dass wir uns zwischen 200 und 270 Euro pro Tonne bewegen.
Für viele Menschen wird das zur Belastung. Wer zur Miete wohnt, mit alter Gasetagenheizung, ist oft doppelt betroffen: Keine Entscheidungshoheit – aber steigende Kosten. Haas:
„Ich kann mir das leisten. Ja, okay, Haken dran. Aber es gibt genügend Leute, für die das richtig, richtig Geld ist.“
Praxisbeispiele: Was Sanierung konkret verhindert
Neben der Arztpraxis in Berlin gibt es viele weitere Beispiele: Kioske, die eine Brandmeldeanlage für einen Lagerraum mit Flaschen benötigen; Wohngebäude, die durch neue Nutzung ihren Bestandsschutz verlieren; und Häuser, die aufgrund von Abstandsregelungen keine Außentreppen bauen dürfen – obwohl es brandschutztechnisch sinnvoll wäre.
All diese Fälle zeigen: Ein überreguliertes System blockiert sich selbst. Denn das erhöht die normale Miete von 13 Euro auf 16,50 bis 17 Euro. Die müssen erstmal durchgesetzt werden.
Ein Appell an den Mut zur Entscheidung
Am Ende des Gesprächs steht ein Appell an die deutsche Verwaltung und Politik: Mut zu mehr Eigenverantwortung, Mut zu Entscheidungen, Mut zu Fortschritt – nur dabei die Sicherheit nicht aus den Augen verlieren. Haas:
„Fehler passieren – und lass sie passieren. Aber bitte nicht bei der Sicherheit. […] Wenn es geprüft ist: Haken dran und durchgeben“
Dazu gehört auch ein ehrlicher Blick auf das Beamtentum und die Verantwortungskultur in Deutschland.
Fazit: Die Zukunft bauen – digital, verantwortungsvoll, klimagerecht
Das Interview mit Axel Haas macht deutlich: Der Weg zur klimafreundlichen Sanierung ist gepflastert mit Chancen – und Hindernissen. Brandschutz ist kein Stolperstein, sondern ein Gestaltungselement. Bürokratie darf nicht lähmen, sondern muss ermöglichen. Und digitale Lösungen sollten nicht Zukunftsmusik bleiben, sondern gelebte Praxis sein.
Wir brauchen eine Bauwende, die sozial, digital und pragmatisch ist. Eine, die mutige Entscheidungen belohnt und die Menschen befähigt. Und eine, die das Ziel nie aus den Augen verliert: lebenswerte, sichere und nachhaltige Gebäude für alle.
Podcastfolge anhören: Bürokratie, Brandschutz & Bauwende – Jetzt reinhören