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Die Wärmewende ist kein Wunschkonzert, sondern ein präzise orchestriertes Zusammenspiel aus Technik, Marktlogik und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Genau darum geht es in meinem Gespräch mit Uwe Weber von den Stadtwerken Lemgo: Ein pragmatischer, mutiger Mix aus Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), Wärmepumpen, Solarthermie, Großwärmespeichern – und bald sogar einer direkten Wind-zu-Wärme-Kopplung. Lemgo zeigt, wie aus Visionen belastbare Wärmepreise, verlässliche Versorgung und messbarer Klimaschutz werden.
„Ich bin eben ein bisschen hängen geblieben bei Ansprechperson für Klimaschutz. Lemgo. Das hat überhaupt nicht räsoniert. Was ist das?“
Diese spontane Nachfrage zu Beginn des Interviews öffnet die Tür in ein System, das auf den ersten Blick komplex wirkt – und auf den zweiten eine klare Story erzählt: Kommunale Wärmeplanung als Gemeinschaftsleistung von Stadt und Stadtwerken, flankiert von Technik, die im echten Netzalltag funktioniert.
Warum Lemgo früh vorangeht
Innovationsfreude fällt nicht vom Himmel. Weber nennt zwei Treiber:
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Wirtschaftlicher Druck eines kleineren Stadtwerks. Effizienz allein reicht nicht; cleveres Nutzen von Förderfenstern macht den Unterschied. Beispiel: Die frühe Klärwasser-Wärmepumpe wurde als Leuchtturm mit bis zu 80 % Investförderung (NKI) realisiert – ein Gamechanger für die Investitionsentscheidung.
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Macher mit Haltung. Seit den 90ern bestimmen KWK-Überzeugung, Klimaschutz und eine „Konzernstadt“-Denke das Handeln. In Lemgo sitzen Bürgermeister, Kämmerer, Stadtwerke-Chef und Sparkassenvorstand regelmäßig zusammen – eine strategische Taktikbesprechung für die Zukunft der Stadt.
Der Anlagen-Fuhrpark: Vielfalt statt Monokultur
Lemgo liefert heute rund 150 GWh Fernwärme pro Jahr und erreicht eine Anschlussquote von ~45 %, die bis 2035 auf 65–70 % steigen soll. Wer sich die „Badewanne“ aus Erzeugern anschaut, erkennt einen Fuhrpark, der bewusst heterogen ist:
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KWK-Leistung: ~30 MW elektrisch. Durchschnittliche Jahreslaufzeit inzwischen ~3.000 h (Mix), aber mit hoher Wertschöpfung in Preispeaks statt alten 5.000–6.000 h-Denkmustern.
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Wärmepumpen: Mehrere Ammoniak-WP (1–3 MW), gespeist aus Flusswasser (Bega) und Klärwasser, elektrische Gesamtaufnahme ca. 1,5 MW.
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Solarthermie: ~10.000 m² Kollektoren, ~3,5 GWh Jahresertrag – an Spitzentagen nahe 100 % Netzdeckung im Sommer, über die Sommermonate ~50–60 %.
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Wärmespeicher: Heute ein zentraler Speicher (~3.500 m³ ≈ 100 MWh) plus ein mittlerer Speicher als hydraulische Weiche in der Stadt. Im Bau: ein Großspeicher mit ~17.000 m³ (~650 MWh) und ~50 m Höhe – multifunktional, u. a. für Rücklaufdruckhaltung.
Diese Vielfalt ist kein Selbstzweck. Sie schafft Freiheitsgrade, um auf volatile Strommärkte, saisonale Quellen und Netzrestriktionen zu reagieren – und sie senkt Risiken, die entstehen, wenn man auf eine Technologie setzt.
KWK neu gedacht: Wert statt Stunden
Die alte Faustregel „KWK muss 4.000+ Stunden laufen“ ist Geschichte. Der Spotmarkt zeichnet heute ein anderes Bild: Stark schwankende Preise liefern Fenster für hohe Deckungsbeiträge. Lemgo fährt KWK gezielt in Preispeaks, ergänzt durch Wärmespeicher. Das bedeutet:
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Weniger Laufzeit, mehr Erlös je Stunde. Die Fläche unter der Kurve bleibt attraktiv – mit mehr operativer Disziplin im Betrieb.
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Höhere Anforderungen ans Team. Mehr Starts und Stopps bedeuten Verschleiß, Störungsmanagement, schnelle Reaktionsfähigkeit. Das ist anspruchsvoll – aber wirtschaftlich sinnvoll.
Wärmepumpen im Realbetrieb: Teillast schlägt Stop-and-Go
Die Praxis ist ehrlich: Häufiges An-Aus bei großen Ammoniak-Wärmepumpen verursacht Startprobleme (Druck, Temperaturfenster, Abkühlzeiten) und organisatorischen Aufwand im Intraday-Fahrplan. Lemgos Antwort: kontinuierliche Fahrweise mit intelligenter Teillast (bis ~50 %), flankiert von Speichern – und bei hohen Strompreisen Eigenstromkopplung aus KWK-Aggregaten.
„Das finde ich ja energiewirtschaftlich total schade, dass es nicht geht.“
Die Emotion verstehe ich – energiewirtschaftliche Optimierung lebt von Flex. In der Anlagenwirklichkeit heißt das aber: Stabilität zuerst, Flexibilität durch Teillast und Systemverbund (KWK ↔ WP ↔ Speicher) – nicht durch harte On/Off-Zyklen.
Solarthermie: kleiner Anteil, großer Hebel
3,5 GWh klingen im Jahresmix nach „nur“ ~2–3 %. In der Systemlogik sind sie Gold wert: Null variable CO₂-Emissionen, zuverlässig im Sommer, spürbare Entlastung anderer Erzeuger und signifikante Emissionsfrei-Fenster (Mai–August vollständig grün dank Solarthermie + Wärmepumpen). Zudem stabilisiert die Solarthermie die Wärmekostenbasis in Zeiten volatiler Brennstoffpreise.
Wind trifft Wärme: Direktleitung statt Netzhürde
Das vielleicht kühnste Projekt: 6,2 MW Windanlage versorgt direkt (eigene Mittelspannungsleitung, ~3 km) eine ~3,5 MW-Wärmepumpe am neuen Großspeicher. Zielbild:
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30 GWh/Jahr zusätzliche erneuerbare Wärme – das sind rund 20 % des heutigen Lemgo-Bedarfs.
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Vollkosten der Wind-Wärme-Kopplung im Bereich ~60–63 €/MWh Wärme (über 20–25 Jahre, grob gerechnet).
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Großspeicher als „Trommel“ für böige Erzeugung: Wenn der Wind pfeift, lädt Lemgo Wärme. Wenn er schläft, liefert der Speicher.
Netzbetreiber freuen sich meist über Verbraucher – aber nicht jeder Netzanschlusspunkt ist gerüstet für zusätzliche ~12 MW Last (inkl. weiterer Power-to-Heat). Die Direktverbindung entschärft Engpässe, spart Netzentgelte und macht die Wärme preislich planbar. Volkswirtschaftliche Abwägungen sind berechtigt; für Lemgo ist es heute technisch und betriebswirtschaftlich stimmig – und klimapolitisch ein Volltreffer.
Kommunale Wärmeplanung: Verdichten, priorisieren, zusammenarbeiten
Die kommunale Wärmeplanung (KWP) ist in Lemgo Chefsache – und Teamarbeit mit der Stadt. Kerngedanke:
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Fernwärme verdichten in Bestandsgebieten, Randzonen prüfen (z. B. Reihenhausquartiere der 90er).
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Realistische Zielkorridore statt Luftschlösser: Bis 2035 65–70 % Fernwärmeanteil – ambitioniert, aber finanzierbar.
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Wärmepumpen für den Rest – perspektivisch mit koordinierten Einsatzstrategien, damit Verteilnetze nicht zu Kupferplatten ausgebaut werden müssen.
Kurz: KWP ist nicht die Summe von Einzelsanierungen, sondern ein lokales Systemdesign mit klarer Rollenzuteilung.
„Konzernstadt“: Governance als Wettbewerbsvorteil
Lemgo lebt eine integrierte Stadt-Stadtwerke-Kooperation: geteilte Personalservices, abgestimmte Tiefbauplanungen, gemeinsame Runden auf Bereichsleiter-Ebene. Das senkt Koordinationskosten, bündelt Know-how und macht strategische Pfade verlässlich. Für die Wärmewende unschätzbar – denn Netzausbau, Speicherbau, Anlagenintegration und Kundenkommunikation sind verwoben.
Netzdynamik: Wenn Erzeugung Flex fährt, muss das Netz mithalten
Mehrere Start-/Stop-Zyklen pro Tag erzeugen Temperaturwellen in Netzabschnitten. Folge: Materialermüdung nimmt zu, ohne das Netz akut zu gefährden – aber Lebensdauern und Reparaturstatistik verschieben sich. Lemgo reagiert mit:
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Speichern an sinnvollen Knoten, um Wärme nicht quer durchs Netz zu schieben.
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Geplanter Ko-Optimierung: Einsatzplanung verbindet künftig Erzeugerlogik mit Netzverlust- und Zustandsdaten (Forschungskooperationen u. a. mit Duisburg/BTB).
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Operativer Exzellenz: Teams managen Thermalzyklen, Druckhaltung (Großspeicherhöhe!), Hydraulik feinfühlig.
Menschen machen die Wärmewende
Es bleibt nicht bei Kennzahlen. Uwe Weber erzählt offen von einem Tinnitus nach einem Hochdruckprojekt in den 90ern – und der Lektion, auf die innere Stimme zu hören. Das ist mehr als Privatgeschichte: In Transformationsprojekten droht Überlast. Gute Führung heißt, Verantwortung tragfähig zu organisieren – für Menschen, Anlagen und Netze.
Arbeitskreise wie beim B.KWK oder DFB (AK Fernwärme) sind Wissensmultiplikatoren. Lemgo teilt – und profitiert.
Was andere Stadtwerke jetzt mitnehmen können
1) Heterogen gewinnen. Kombiniert KWK + WP + Solarthermie + Speicher. Jeder Baustein hat Stärken; zusammen entstehen robuste Betriebspunkte über das Jahr.
2) Stundenlogik statt Jahresstunden. Denkt preisgeführt. Nutzt Speicher, um KWK in Peaks zu bringen. Akzeptiert, dass 3.000 h heute mehr wert sein können als 5.000 h gestern.
3) Wärmepumpen realistisch betreiben. Vermeidet aggressives On/Off. Teillast, Eigenstromkopplung und Speicher liefern Stabilität und Systemdienlichkeit.
4) Speicher groß denken. >500 MWh verschiebt Wetter in Wärme. Das ist die Brücke zwischen Wind und Warmwasser – und der Schutzschild gegen Strompreis-Turbulenzen.
5) Kommunal kooperieren. „Konzernstadt“ ist kein Buzzword, sondern Governance-Design: gemeinsam planen, bauen, finanzieren, betreiben. Spart Geld, Nerven, Zeit.
6) Netz im Optimierer. Einsatzplanung muss Netzverluste und Zustände kennen. Sonst spart ihr an der Erzeugung, verbrennt es aber im Rohr.
7) Finanzierung ehrlich priorisieren. Lemgo hat bis 2035 rund 300 Mio. € Investbedarf identifiziert. Das zwingt zu Reihenfolgen und Grenzen. Ambition ja – aber bankable.
8) Direktleitungen prüfen. Wo Netze knapp sind, kann die Wind-zu-Wärme-Direktkopplung Invest und Betriebskosten senken – und Wärmepreise stabilisieren. Sauber rechnen, sauber begründen.
9) Menschen schützen. Transformation ist Hochleistungssport. Teams brauchen Routinen, Puffer, Wartungsfenster – und Führung, die nachhaltige Leistung ermöglicht.
10) Teilt Erfahrungen. Arbeitskreise, Benchmarks, Piloten – Tempo entsteht im Kollektiv.
Fazit: Wärmewende als Mannschaftssport
Lemgo zeigt, wie Technikmix, Marktintelligenz und kommunale Kooperation eine Wärmewende formen, die sowohl klimawirksam als auch bezahlbar ist. Die Zahlen sprechen für sich: 150 GWh heute, 65–70 % Fernwärme bis 2035, 3,5 GWh Solarthermie, 1,5 MW WP-Strombedarf (Fluss/ Klärwasser), ~30 MW KWK-Leistung, ~650 MWh neuer Speicher – und 30 GWh/Jahr künftige Wind-Wärme. Das ist kein Labor, das ist Lieferbetrieb.
„Sehr gut. Vielen Dank für das Gespräch heute. Das hat mich wirklich sehr gefreut.“
Danke zurück, Uwe – für Offenheit, Klartext und Mut zur Mischung. Wer die Episode noch nicht gehört hat: