Torge Wendt: Die Lösung der Energiewende ist Flexibilität – warum Deutschland Strompreiszonen braucht

Windräder stehen still, obwohl Unternehmen bezahlbaren Strom brauchen. Batteriespeicher reagieren auf niedrige Börsenpreise, obwohl das Netz vor Ort zusätzliche Last gerade schlecht verträgt. Für Torge Wendt sind solche Widersprüche ein Anlass, über Strompreiszonen und die Regeln unseres Energiesystems nachzudenken.

In dieser Folge von Energie im Wandel spreche ich mit dem Mitgründer und Geschäftsführer von Nordgröön über die intelligente Nutzung erneuerbarer Energien. Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Zeit bei den Stadtwerken Flensburg. Deshalb wird unser Gespräch persönlich, unternehmerisch und stellenweise ziemlich deutlich.

Du erfährst, warum Flexibilität mehr bedeutet als Batterien, weshalb regionale Preissignale Investitionen beeinflussen und was Stadtwerke, Industrie und Anlagenbetreiber daraus mitnehmen können. Die zentrale Frage lautet: Wie machen wir aus erneuerbarer Erzeugung eine Versorgung, die wirtschaftlich funktioniert?

Vom Stadtwerker zum Gründer: Torges Weg zu Nordgröön

Torges Einstieg in die Energiewirtschaft war kein geradliniger Klimaschutzplan. Nach seinem Wirtschaftsinformatikstudium arbeitete er zunächst im Finanzdienstleistungsumfeld. Der Wechsel nach Flensburg hatte vor allem familiäre Gründe. Beruflich brachte er dabei etwas Wertvolles mit: Erfahrung aus einer bereits stark digitalisierten Branche.

Bei den Stadtwerken entdeckte er Prozesse, die sich vereinfachen und automatisieren ließen. Er beschäftigte sich mit Marktkommunikation, Datenflüssen und Bilanzkreisen. Parallel lernte er beim Aufbau von Entelios die industrielle Laststeuerung kennen. Was heute selbstverständlich klingt, erforderte damals viel Pionierarbeit.

Diese Erfahrungen führten schließlich zur eigenen Gründung. Nordgröön entstand 2012 in Medelby. Die Unternehmensgeschichte von Nordgröön nennt Torge Wendt und Marko Bär als Gründer. Im Interview erzählt Torge, wie aus einer frustrierten Mittagspause die Entscheidung zum Loslegen wurde.

Für mich steckt darin eine wichtige Botschaft: Innovation braucht Fachwissen, aber auch einen Ort, an dem Menschen ihre Ideen tatsächlich umsetzen dürfen.

Erst die Grundlage, dann die ersten Kilowattstunden

Bevor Nordgröön Strom vermarktete, mussten Verträge, Datenverarbeitung und Handelszugänge funktionieren. Torge beschreibt einen pragmatischen Aufbau mit einem Entwickler, zunächst einfachen Systemen und einem Handelspartner. Die große Plattform entstand nicht über Nacht.

Im Gespräch halte ich fest:

Das heißt aber, ihr habt erst die Grundlagen gelegt, die Basis gelegt und habt dann den ersten Kunden geholt.

Die ersten beiden Biogasanlagen kamen nach Torges Erinnerung Anfang 2013 hinzu. Gemeinsam hatten sie 1,2 Megawatt Leistung. Für ihn war dieser kleine Start emotional bedeutender als manche spätere Größenordnung: Zum ersten Mal liefen Kilowattstunden durch den eigenen Bilanzkreis.

Zum Wachstum gehörten allerdings nicht nur Kunden. Sicherheiten und Bürgschaften wurden zum entscheidenden Engpass. Torge erklärt, warum langfristige Stromgeschäfte finanzielle Substanz brauchen und weshalb strategische Partner wichtig wurden.

Das ist eine nützliche Erinnerung für Energiegründungen: Ein gutes Produkt ersetzt weder belastbare Prozesse noch tragfähiges Risikomanagement. Gerade im Stromhandel müssen beide Seiten darauf vertrauen können, dass Vereinbarungen auch unter schwierigen Bedingungen eingehalten werden.

Flexibilität verbindet Erzeugung und Verbrauch

Torges zentrale These zieht sich durch das gesamte Interview: Der weitere Ausbau erneuerbarer Energien muss mit mehr Flexibilität zusammenkommen. Wind und Sonne liefern nach Wetterlage. Verbrauch, Speicher und steuerbare Erzeuger müssen darauf abgestimmt werden.

Ein virtuelles Kraftwerk verbindet dafür viele dezentrale Anlagen über Daten und Steuerung. Prognosen helfen einzuschätzen, wie viel Energie verfügbar sein wird. Aktuelle Messwerte zeigen Abweichungen. Vermarktung und Fahrpläne werden entsprechend angepasst.

Dabei denkt Torge deutlich breiter als nur an Batteriespeicher. Er nennt industrielle Lasten, flexible Biogasanlagen, Wärmeanwendungen, Elektromobilität und die Verbindung zu europäischen Nachbarn. Entscheidend ist nicht die eine Wundertechnologie, sondern das Zusammenspiel.

Auch Biogas betrachtet er aus dieser Perspektive. Anlagen sollten künftig besonders dann Strom bereitstellen können, wenn Wind und Sonne wenig liefern. Dafür brauchen Betreiber technische Möglichkeiten und wirtschaftliche Anreize. Bestehende Anlagen einfach nach heutigen Anforderungen zu beurteilen, greift deshalb zu kurz: Viele wurden für ein anderes Fördermodell gebaut.

Was Strompreiszonen mit der Physik zu tun haben

Der Schwerpunkt unseres Gesprächs liegt auf Strompreiszonen. Gemeint sind Gebiete, innerhalb derer sich im Großhandel für denselben Lieferzeitpunkt ein gemeinsamer Marktpreis bildet. Unterschiedliche Zonen können unterschiedliche Preise haben, wenn die verfügbare Übertragungskapazität zwischen ihnen knapp wird.

Deutschland und Luxemburg bilden eine gemeinsame Gebotszone. Das beschreibt der Monitoringbericht 2025 von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt. Ein einheitlicher Großhandelspreis bedeutet allerdings nicht, dass Haushalte oder Unternehmen überall dieselbe Stromrechnung bezahlen. Netzentgelte, Beschaffung, Vertragsbedingungen und weitere Bestandteile unterscheiden sich.

Torges Kritik setzt beim Verhältnis zwischen Markt und Netz an. Innerhalb einer großen Preiszone kann der Preis lokale Engpässe nur begrenzt abbilden. Viel Wind im Norden bedeutet eben nicht automatisch, dass diese Energie im Süden zusätzlich verfügbar ist.

Strompreiszonen sollen nach seiner Vorstellung helfen, solche Unterschiede sichtbarer zu machen. Sie schaffen keine neuen Leitungen. Sie verändern jedoch die wirtschaftlichen Signale dafür, wo Strom erzeugt, gespeichert und verbraucht wird.

Warum eine Batterie nicht automatisch das Netz entlastet

Torge erläutert das Problem an einem anschaulichen Beispiel. Stell dir vor, viel Windstrom drückt den gemeinsamen Börsenpreis. Gleichzeitig ist eine wichtige Verbindung ausgelastet. Hinter diesem Engpass kann zusätzliche Nachfrage die Netzsituation verschärfen.

Ein Batteriespeicher, der ausschließlich auf den Börsenpreis schaut, würde bei sehr günstigen Preisen möglicherweise laden. Wirtschaftlich ist das nachvollziehbar. Aus Sicht des lokalen Netzes kann es jedoch gerade die falsche Richtung sein.

Damit wird eine wichtige Unterscheidung verständlich: Marktdienliches Verhalten ist nicht automatisch netzdienliches Verhalten. Ein Speicher kann Preisunterschiede sinnvoll nutzen und trotzdem einen örtlichen Engpass verstärken.

Für Torge sprechen deshalb bessere regionale Signale für Strompreiszonen. Allerdings löst auch eine neue Zonengrenze nicht jedes lokale Problem. Verteilnetze, konkrete Anschlusssituationen und betriebliche Vorgaben bleiben wichtig.

Wenn du Speicherprojekte bewertest, lohnt deshalb der doppelte Blick: Welche Erlöse sind möglich, und wie wirkt das geplante Verhalten am tatsächlichen Netzanschlusspunkt?

Negative Preise verändern die Rechnung für Photovoltaik

Die gleiche Grundfrage begegnet uns bei Solaranlagen: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Strom eine Anlage produziert, sondern auch, wann sie produziert und welchen Erlös sie dann erzielt.

Wenn viele Photovoltaikanlagen gleichzeitig einspeisen, kann der Marktwert dieser Erzeugung sinken. Im Interview frage ich:

Oder glaubst du, dass die Anzahl der Stunden mit negativen Preisen weniger wird?

Torge erwartet keine einfache Entwarnung. Er beschreibt, wie die Gleichzeitigkeit der Erzeugung Vermarktung und Finanzierung anspruchsvoller macht. Seine Einschätzung zu neuen Solarprojekten ohne Speicher fällt entsprechend kritisch aus.

Daraus folgt aber keine pauschale Wirtschaftlichkeitsregel für jedes Projekt. Ausrichtung, Standort, Eigenverbrauch, Anschlussbedingungen und Vermarktungsvertrag können die Rechnung erheblich verändern. Auch ein Speicher muss passend dimensioniert und wirtschaftlich bewertet werden.

Hier bringe ich meine eigene Erfahrung ein:

Also ich habe ja auch nochmal investiert jetzt in eine Anlage, die aber Ost-West ausgerichtet ist mit Co-Location.

Mit Co-Location ist hier die Kombination von Erzeugungsanlage und Speicher am selben Standort gemeint. Eine Ost-West-Ausrichtung kann die Produktion stärker über den Tag verteilen. Ein Speicher kann zusätzlich Energie in andere Zeitfenster verschieben.

Torge betont selbst, dass er den konkreten wirtschaftlichen Vergleich verschiedener Ausrichtungen nicht abschließend bewertet hat. Genau diese Ehrlichkeit finde ich wichtig: Eine plausible Idee ist der Anfang einer Rechnung, nicht ihr Ergebnis.

Flexibilität beginnt manchmal im Hotel

Besonders greifbar wird das Gespräch, als Torge über Hotels an der Westküste berichtet. Nordgröön stellt dort nach seiner Schilderung Preisprognosen und Signale bereit, die eine Steuerung vor Ort nutzen kann.

Beispielsweise lässt sich die Aufwärmphase eines Wellnessbereichs zeitlich verschieben. Der Gast bekommt weiterhin seine gewünschte Leistung. Der Stromverbrauch fällt jedoch in ein günstigeres Zeitfenster.

Torge nennt außerdem anpassbare Ladeleistung und weitere betriebliche Anwendungen. Die konkreten Einsparmöglichkeiten sind standortabhängig. Das Prinzip ist trotzdem spannend: Nicht jeder Prozess muss exakt dann laufen, wenn er bisher immer gelaufen ist.

Für dich als Unternehmer oder Stadtwerker eröffnet das einen praktischen Einstieg. Welche Verbraucher lassen sich verschieben, ohne Komfort, Qualität oder Produktionssicherheit zu beeinträchtigen? Welche Messdaten fehlen? Und wer kann aus diesen Informationen einen verlässlichen Fahrplan machen?

Regionale Strompreiszonen als Chance für Wertschöpfung

Torges politische Motivation reicht über den Stromhandel hinaus. Er möchte, dass Regionen mit viel erneuerbarer Erzeugung auch wirtschaftlich stärker davon profitieren.

Seine Überlegung: Wenn Strompreiszonen regionale Überschüsse besser im Preis abbilden, könnten flexible Großverbraucher eher in diese Regionen investieren. Im Gespräch nennt er Elektrolyseure und Rechenzentren als Beispiele.

Das ist keine Garantie für eine bestimmte Standortentscheidung. Unternehmen berücksichtigen neben Energiepreisen unter anderem Fachkräfte, Infrastruktur, Genehmigungen und Kundennähe. Dennoch kann Energie zu einem wichtigen Standortfaktor werden.

Für Kommunen ist diese Perspektive interessant. Erneuerbare Anlagen wären dann nicht nur sichtbare Infrastruktur, sondern möglicherweise Ausgangspunkt für weitere Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung.

Gleichzeitig dürfen die Auswirkungen auf Erzeuger nicht untergehen. Sinkende regionale Marktpreise können deren Erlöse belasten. Torge spricht diesen Zielkonflikt ausdrücklich an. Wer Strompreiszonen diskutiert, muss deshalb Verbraucher, bestehende Anlagen und zukünftige Investitionen zusammen betrachten.

Eine überzeugende Reform braucht mehr als Gewinnergeschichten. Sie muss auch erklären, wie Übergänge funktionieren und Risiken verteilt werden.

Europas Stromsystem gemeinsam nutzen

Torge blickt über die deutsche Grenze. Wasserkraft und Speichermöglichkeiten in Skandinavien können das Zusammenspiel mit Wind und Sonne ergänzen. Voraussetzung sind nutzbare Verbindungen und ein europäischer Markt, der Zusammenarbeit ermöglicht.

Dabei weist er auf einen Konflikt hin: Gekoppelte Märkte übertragen nicht nur Energie, sondern beeinflussen auch die Preise in benachbarten Regionen. Was für einen exportierenden Erzeuger attraktiv ist, kann für einen Stromkunden im selben Land höhere Kosten bedeuten. Deshalb lassen sich nationale Interessen nicht einfach auf eine einzige Gewinnerrechnung reduzieren.

Die physische Übertragung bleibt begrenzt. Grenzüberschreitende Verbindungen sind also kein unbegrenzter Ersatz für heimische Speicher oder andere flexible Kapazitäten. Sie gehören vielmehr zu einem gemeinsamen Werkzeugkasten.

Für mich ist das ein hilfreicher Blickwechsel. Versorgungssicherheit endet nicht an der Landesgrenze. Gleichzeitig braucht Zusammenarbeit faire Regeln und Vertrauen. Torges Plädoyer lautet deshalb, vorhandene Möglichkeiten besser zu verbinden, statt jedes Problem ausschließlich national lösen zu wollen. Auch hier müssen Marktgestaltung und Infrastruktur miteinander funktionieren.

Strompreiszonen brauchen eine faire politische Debatte

Im Interview wird deutlich, warum die Diskussion emotional ist. Günstigere Preise in einer Region können mit höheren Preisen in einer anderen einhergehen. Damit stehen Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze und politische Verantwortung im Raum.

Torge wirbt dafür, diesen Konflikt nicht mit einem pauschalen Nein zu beenden. Er bringt Übergangsfristen und mögliche Entlastungen für energieintensive Unternehmen ins Gespräch. Ob seine konkrete Ausgleichsidee rechtlich und praktisch umsetzbar wäre, lässt er ausdrücklich offen.

Für die Einordnung ist wichtig: Das sind Reformvorschläge, keine Beschreibung bereits eingeführter Regeln. Die europäische Überprüfung der Gebotszonen bei ACER untersucht unter anderem strukturelle Engpässe und alternative Zuschnitte.

Die Bundesregierung verfolgt mit ihrem im Dezember 2025 veröffentlichten Aktionsplan Gebotszone dagegen den Erhalt der gemeinsamen Zone. Torges Forderung steht damit in einer realen politischen Kontroverse.

Gerade deshalb lohnt das Gespräch. Es zeigt, welche Fragen hinter den Positionen stehen: Wer trägt Kosten? Wer erhält Investitionsanreize? Und wie kommen Marktentscheidungen näher an die tatsächlichen Möglichkeiten des Netzes?

Was du für dein Unternehmen mitnehmen kannst

Aus unserem Austausch lassen sich mehrere Arbeitsfragen ableiten. Zuerst solltest du verstehen, wann dein Unternehmen Energie benötigt. Eine Jahresmenge allein verrät wenig darüber, welche Flexibilität tatsächlich vorhanden ist.

Danach lohnt die Suche nach verschiebbaren Anwendungen. Wärme, Kälte, Ladeinfrastruktur oder einzelne Produktionsschritte können Ansatzpunkte sein. Nicht jede theoretische Möglichkeit ist betrieblich sinnvoll. Deshalb gehören die Menschen, die diese Prozesse verantworten, früh an den Tisch.

Ebenso wichtig ist die Vertragsseite. Ein flexibler Betrieb braucht ein Vergütungsmodell, das den zusätzlichen Aufwand tatsächlich belohnt. Bei langfristigen Stromliefervereinbarungen müssen zudem Mengenrisiken, Sicherheiten und mögliche Veränderungen des Marktumfelds verstanden werden.

Für Stadtwerke ergibt sich daraus eine besondere Rolle. Sie kennen lokale Unternehmen, verfügen über energiewirtschaftliche Erfahrung und können Partnerschaften zwischen Erzeugern und Verbrauchern ermöglichen. Torges Geschichte zeigt zugleich, dass technische Kompetenz allein nicht reicht. Es braucht Entscheidungsräume, Geschwindigkeit und Vertrauen.

Strompreiszonen sind dabei ein möglicher Baustein des Marktdesigns. Die praktische Arbeit an Daten, Steuerung und Kundenlösungen kann jedoch bereits unabhängig davon beginnen.

Mein Fazit: Die Energiewende muss zusammenpassen

Mich beschäftigt nach diesem Gespräch vor allem der Zusammenhang zwischen Technik, Markt und Menschen. Wir können zusätzliche Anlagen bauen und trotzdem Potenziale verschenken, wenn unsere Regeln das Zusammenspiel erschweren.

Torge Wendt bringt dafür eine klare Perspektive mit: Erzeugung, Verbrauch und Flexibilität sollten gemeinsam gedacht werden. Strompreiszonen sind für ihn ein Instrument, um regionale Gegebenheiten stärker in wirtschaftliche Entscheidungen zu übersetzen.

Du musst nicht jeden Vorschlag teilen, um aus dem Interview etwas mitzunehmen. Schon die Frage, ob ein Preissignal zur Netzsituation passt, verändert den Blick auf Speicher, Industrieansiedlungen und regionale Versorgung.

Hör dir das vollständige Gespräch mit Torge Wendt an. Über meine Podcastseite zu Energie im Wandel findest du den Zugang zu den Folgen und weitere Gespräche mit Menschen, die den Wandel vorantreiben.

Welche Flexibilität könntest du in deinem Umfeld heute schon nutzen? Genau dort beginnt der nächste praktische Schritt.