Die Energiewende wird oft über einzelne Technologien diskutiert: mehr Photovoltaik, mehr Windkraft, mehr Speicher, mehr Netze, mehr Flexibilität. Doch was passiert, wenn man diese Bausteine nicht einzeln betrachtet, sondern konsequent als Gesamtsystem? Genau darum geht es in dieser Folge von „Energie im Wandel“ mit Dr. Björn Peters.
Der Speicherbedarf der Energiewende steht dabei im Zentrum eines Gesprächs, das an vielen Stellen herausfordert. Denn Björn Peters argumentiert nicht aus politischer Haltung heraus, sondern aus Physik, Marktlogik und Skalierung. Er fragt: Welche Strommengen müssen wann verfügbar sein? Wie lange dauern typische Speicherereignisse? Was leisten Batteriespeicher realistisch? Und was passiert, wenn ein System mit sehr hohen Anteilen wetterabhängiger Stromerzeugung nicht nur für einzelne Stunden, sondern für mehrere Tage abgesichert werden muss?
Die Podcastfolge kannst du hier anhören: Podcastfolge mit Björn Peters hören
Warum der Speicherbedarf der Energiewende so kontrovers ist
Über Speicher wird in der Energiewende viel gesprochen. Häufig entsteht dabei der Eindruck, Batteriespeicher könnten das Stromsystem der Zukunft im Wesentlichen stabilisieren. Sie speichern günstigen Solarstrom am Mittag, geben ihn abends wieder ab und helfen zusätzlich bei Netzdienstleistungen. Das ist richtig – aber aus Sicht von Björn Peters nur ein Teil der Wahrheit.
Im Interview geht es vor allem um die Frage, welche Speicheraufgabe eigentlich gemeint ist. Geht es um Minuten? Stunden? Tage? Wochen? Oder um saisonale Ausgleichsbedarfe?
Genau hier setzt seine Kritik an. Denn der Speicherbedarf der Energiewende wird aus seiner Sicht häufig unterschätzt, weil viele Modelle und Diskussionen zu kleinteilig oder zu optimistisch denken. Ein Batteriespeicher kann sehr gut kurzfristige Schwankungen ausgleichen. Aber wenn mehrere Tage lang wenig Wind weht und gleichzeitig wenig Sonne scheint, entsteht eine andere Herausforderung.
Ich habe im Gespräch deshalb selbst eingeordnet:
„Ich würde erstmal auch die Batteriespeicher als Tagesspeicher sehen.“
Dieser Satz ist wichtig, weil er die Rolle von Batterien nicht kleinredet, sondern präzisiert. Batterien sind wertvoll. Sie können Netze entlasten, Preisspitzen abfedern, Eigenverbrauch optimieren und kurzfristige Flexibilität bereitstellen. Aber sie sind nicht automatisch die Antwort auf mehrtägige Dunkelflauten oder saisonale Versorgungslücken.
Björn Peters und der Blick auf Physik, Markt und Skalierung
Björn Peters bringt für diese Diskussion einen ungewöhnlichen Hintergrund mit. Er hat Physik studiert, in der Hirnforschung mit neuronalen Netzen gearbeitet, später bei McKinsey, der Deutschen Börse und in der Energiefinanzierung. Besonders prägend war seine Arbeit im Marktdesign. Dort geht es um die Frage, wie Angebot und Nachfrage so zusammengeführt werden, dass Märkte effizient funktionieren.
Diese Perspektive überträgt er auf den Strommarkt. Strom ist kein normales Produkt. Er muss zu jedem Zeitpunkt erzeugt, transportiert und verbraucht werden. Gleichzeitig verändert sich die Preisbildung durch den wachsenden Anteil von Solar- und Windstrom. Das führt zu Stunden mit sehr niedrigen oder negativen Preisen, aber auch zu Situationen, in denen gesicherte Leistung besonders wertvoll wird.
Im Gespräch wird deutlich: Wer den Strommarkt verstehen will, muss Grenzkosten, Markträumungspreise, Wetterdaten, Netzengpässe und Investitionslogik zusammendenken. Genau deshalb sagte ich im Interview:
„Das Thema ist mega heiß jetzt gerade wieder.“
Denn die Frage nach Strommarktdesign, Flexibilität und Speicherökonomie ist keine abstrakte akademische Debatte mehr. Sie entscheidet darüber, ob Investitionen in Kraftwerke, Speicher, Elektrolyseure, Netze, industrielle Flexibilität und erneuerbare Energien wirtschaftlich funktionieren.
Speicherbedarf der Energiewende: Stundenlogik reicht nicht aus
Eine der zentralen Aussagen von Björn Peters ist, dass typische Speicherereignisse nicht nur in Stunden gedacht werden dürfen. In einem stark wetterabhängigen Stromsystem entstehen Phasen, in denen über längere Zeiträume zu viel oder zu wenig Strom produziert wird. Diese Phasen können mehrere Tage dauern.
Das verändert die Debatte erheblich.
Denn ein Speicher, der vier Stunden überbrücken kann, erfüllt eine andere Funktion als ein Speicher, der vier Tage überbrücken muss. Und ein Speicher, der saisonale Unterschiede zwischen Sommer und Winter ausgleichen soll, bewegt sich nochmals in einer völlig anderen Größenordnung.
Im Interview verweist Peters darauf, dass bei einer rein speicherbasierten Lösung enorme Energiemengen erforderlich wären. Er spricht von mindestens 80 Terawattstunden idealer Speicherkapazität für bestimmte historische Wetterjahre – ohne Puffer, ohne Wirkungsgradverluste, ohne reale Sicherheitsmargen. In der Realität läge der Bedarf entsprechend höher.
Das ist der Punkt, an dem der Speicherbedarf der Energiewende zur Systemfrage wird. Nicht, weil Speicher unwichtig wären. Sondern weil ihre konkrete Funktion sauber definiert werden muss.
Warum Flexibilität mehr ist als ein Schlagwort
Neben Speichern spielt Flexibilität eine zentrale Rolle. Haushalte können Waschmaschinen, Wärmepumpen, Elektroautos oder Batteriespeicher teilweise an Preissignalen ausrichten. Auch Industrieunternehmen können bestimmte Prozesse verschieben. Gerade in Norddeutschland, wo häufig viel Windstrom verfügbar ist, entstehen hier neue Chancen.
Aber auch hier warnt das Gespräch vor Übertreibung. Industrielle Flexibilität ist nicht beliebig verfügbar. Produktionsprozesse sind auf Qualität, Lieferketten, Personaleinsatz, Anlagenverfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit ausgelegt. Wer industrielle Lasten nicht nur für Minuten, sondern für Tage verschieben will, muss häufig zusätzliche Produktionskapazitäten, Zwischenlager oder Prozesspuffer aufbauen. Das kostet Geld, Material und Komplexität.
Flexibilität ist also kein Zauberwort. Sie ist ein wertvoller Baustein, aber sie muss konkret gerechnet werden.
Genau darum geht es in dieser Folge immer wieder: Nicht einzelne Lösungen gegeneinander auszuspielen, sondern ihre Skalierbarkeit ehrlich zu bewerten. Die Energiewende braucht nicht weniger Optimismus. Sie braucht besseren Optimismus – einen Optimismus, der rechnen kann.
Strommarktdesign: Warum negative Preise ein Symptom sind
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist das Strommarktdesign. Negative Preise werden oft als Beleg dafür gesehen, dass erneuerbare Energien besonders günstig sind. Teilweise stimmt das. Sie zeigen aber auch, dass Stromangebot und Stromnachfrage zeitlich nicht immer zusammenpassen.
Wenn viel Wind- und Solarstrom gleichzeitig einspeist, während Nachfrage, Netzkapazität oder Speicherfähigkeit begrenzt sind, entstehen Überschüsse. Dann sinken Preise, teilweise unter null. Gleichzeitig können in anderen Stunden hohe Preise entstehen, weil gesicherte Leistung knapp wird.
Ich habe im Gespräch deshalb auf die ökonomische Seite des Systems verwiesen:
„Da muss in meiner Welt auch dieses Stromsystem nochmal, also das wirtschaftliche System angepasst werden, dass man da schaut, wie kriegt man das cleverer hin, es so zu machen.“
Das klingt sperrig, trifft aber den Kern. Die technische Energiewende kann nur funktionieren, wenn das wirtschaftliche System die richtigen Signale setzt. Es braucht Anreize für Speicher, flexible Lasten, gesicherte Leistung, Netzdienlichkeit und systemstabilisierendes Verhalten. Sonst entstehen Investitionen dort, wo sie kurzfristig attraktiv sind – aber nicht zwingend dort, wo sie dem Gesamtsystem am meisten nutzen.
Biogas, Wasserstoff und Langzeitspeicher
Im Gespräch geht es auch um Biogas und Wasserstoff. Gerade Biogas kann aus Systemsicht interessant sein, wenn Anlagen nicht dauerhaft Grundlast liefern, sondern flexibel in Zeiten knapper Stromerzeugung einspringen. Dafür müssten Biogasanlagen stärker überbaut und mit Gasspeichern kombiniert werden.
Ich habe im Interview auf das Beispiel Martin Laß verwiesen, der im Podcast bereits über flexible Biogasnutzung gesprochen hat. Die Idee: weniger Jahresstunden, dafür höhere Leistung in den entscheidenden Momenten. Damit kann Biogas helfen, Lücken zu schließen. Aber auch hier gilt: Es ist keine Lösung für alles. Fläche, Substrate, Kosten, Akzeptanz und Skalierung begrenzen den Beitrag.
Wasserstoff wiederum wird häufig als saisonaler Speicher diskutiert. Er kann dort sinnvoll sein, wo Strom über längere Zeiträume chemisch gespeichert und später rückverstromt oder industriell genutzt wird. Aber auch Wasserstoff ist nicht kostenlos. Elektrolyseure, Speicher, Transportinfrastruktur, Rückverstromung und Wirkungsgradverluste müssen mitgerechnet werden.
Der Speicherbedarf der Energiewende wird dadurch nicht kleiner. Er wird differenzierter.
Kernenergie als kontroverse Systemoption
Besonders kontrovers wird die Folge dort, wo es um Kernenergie geht. Björn Peters bewertet Kernenergie aus einer energieökonomischen und systemischen Perspektive. Für ihn stellt sich die Frage, welche Energieformen langfristig zuverlässig, skalierbar und ressourceneffizient zur Verfügung stehen.
Das bedeutet nicht, dass diese Position unwidersprochen bleibt. Im Gegenteil: Gerade weil Kernenergie in Deutschland politisch, gesellschaftlich und emotional stark aufgeladen ist, braucht es saubere Fragen. Was kosten neue Anlagen wirklich? Welche Risiken bestehen? Wie ist die Endlagerfrage zu bewerten? Welche Rolle könnten neue Reaktorkonzepte spielen? Und was bedeutet das für ein Land, das den Ausstieg bereits vollzogen hat?
Am Ende der Folge wird deutlich, dass dieses Thema Stoff für ein weiteres Gespräch bietet. Ich sage dort auch offen:
„Na gut, ich habe ja natürlich auch meine Prägung, so wie ich im Grunde hier energiewirtschaftlich erzogen worden bin, was ich halt vielleicht auch nicht gesehen habe, muss man ja auch ehrlich zugeben.“
Genau diese Offenheit macht die Debatte wertvoll. Energiewende gelingt nicht, wenn wir nur die Argumente hören, die ohnehin in unser Weltbild passen. Sie gelingt, wenn wir bereit sind, Annahmen zu überprüfen.
Warum Stadtwerke diese Debatte führen sollten
Für Stadtwerke ist diese Folge besonders relevant. Denn sie stehen genau an der Schnittstelle zwischen politischer Zielsetzung, technischer Umsetzung, Kundenerwartungen und wirtschaftlicher Realität. Sie müssen Wärmenetze planen, Stromnetze ausbauen, Erzeugungsportfolios transformieren, Flexibilitäten integrieren und gleichzeitig Versorgungssicherheit gewährleisten.
Der Speicherbedarf der Energiewende ist für Stadtwerke deshalb keine theoretische Rechengröße. Er entscheidet über Netzanschlüsse, Quartierskonzepte, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Power-to-Heat-Anlagen, Biogas, Wasserstoffoptionen und Beschaffungsstrategien.
Wer heute ein Stadtwerk führt, muss deshalb stärker systemisch denken als früher. Es reicht nicht mehr, einzelne Projekte zu entwickeln. Entscheidend ist, wie diese Projekte zusammenwirken. Eine PV-Anlage, ein Batteriespeicher, ein Elektrolyseur, ein Wärmenetz und ein flexibles BHKW können einzeln sinnvoll sein. Aber ihr wirklicher Wert entsteht erst im Zusammenspiel.
Genau hier liegt die strategische Aufgabe der kommenden Jahre.
Energiewende braucht Realismus ohne Resignation
Das Gespräch mit Björn Peters ist unbequem, weil es liebgewonnene Vereinfachungen infrage stellt. Gleichzeitig ist es kein Gespräch gegen die Energiewende. Im Gegenteil: Wer den Wandel ernst nimmt, muss auch die schwierigen Fragen stellen.
Wie groß ist der reale Speicherbedarf der Energiewende? Welche Technologien lösen welche Zeitdimensionen? Welche Flexibilität ist wirtschaftlich verfügbar? Welche Rolle spielen Netze? Welche Reservekapazitäten brauchen wir? Und wie gestalten wir Märkte so, dass Investitionen nicht nur politisch erwünscht, sondern systemisch sinnvoll sind?
Der entscheidende Punkt ist: Realismus ist kein Gegner des Wandels. Realismus ist die Voraussetzung dafür, dass Wandel gelingt.
Gerade in der Energiewirtschaft brauchen wir weniger Lagerdenken und mehr Systemverständnis. Weniger Schlagworte und mehr belastbare Größenordnungen. Weniger Prinzip Hoffnung und mehr ehrliche Skalierung.
Fazit: Der Speicherbedarf der Energiewende zwingt uns zum Systemdenken
Diese Podcastfolge zeigt, warum der Speicherbedarf der Energiewende eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre ist. Nicht, weil Speicher allein über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Sondern weil sie sichtbar machen, wie anspruchsvoll ein klimaneutrales, bezahlbares und versorgungssicheres Energiesystem wirklich ist.
Björn Peters bringt eine Perspektive ein, die polarisiert, aber relevant ist. Er fordert dazu auf, Energiepolitik nicht nur vom Zielbild her zu denken, sondern vom physikalischen und ökonomischen System. Das ist unbequem. Aber genau solche Gespräche braucht die Energiewende.
Denn am Ende geht es nicht darum, ob wir die Energiewende wollen. Es geht darum, ob wir sie so gestalten, dass sie funktioniert.
Hier geht es zur vollständigen Podcastfolge mit Björn Peters:
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