Boiler 2.0: CO₂-freier Dampf aus der Wärmepumpe – Atmos Zero elektrifiziert die Industrie

Gast: Denis Schweizer
Themen: Dekarbonisierung industrieller Dampferzeugung, Wärmepumpentechnologie, Prozessoptimierung, Energieeffizienz, nachhaltige Industrie
🎧 Zur Podcastfolge: Hier reinhören → Energie im Wandel mit Denis Schweizer (Atmos Zero)

Einleitung: Warum Prozessdampf der schlafende Riese der Energiewende ist

Prozessdampf – kaum ein Begriff klingt unscheinbarer, und doch steckt darin ein gewaltiger Hebel für die Energiewende. Weltweit werden jährlich rund 2,25 Gigatonnen CO₂ allein durch industrielle Dampferzeugung ausgestoßen – mehr als durch den gesamten globalen Flugverkehr. Dabei ist Dampf überall: in der Lebensmittelverarbeitung, Chemie, Pharmaindustrie, Papierproduktion, Textilveredelung und vielen anderen Sektoren.

In der aktuellen Podcastfolge von Energie im Wandel spreche ich mit Denis Schweizer, Commercial Director Europe bei Atmos Zero, über eine technologische Innovation, die diesen Bereich grundlegend verändern könnte: den „Boiler 2.0“, eine elektrifizierte Wärmepumpe zur CO₂-freien Dampferzeugung.

Schon zu Beginn unseres Gesprächs wurde deutlich: Hier geht es nicht um ein weiteres theoretisches Konzept, sondern um ein marktreifes Produkt mit beeindruckender Geschwindigkeit und Skalierbarkeit.

„Wir haben ungefähr zwei Wochen gebraucht – eineinhalb bis zwei Wochen, bis wir dann wirklich Dampf produziert hatten.“
Zwei Wochen statt zwölf Monate: ein gewaltiger Unterschied in einer Branche, in der Integrationsprojekte sonst oft Jahre dauern.


Vom Kälteanlagenbauer zum Treiber der Dekarbonisierung

Denis Schweizer ist kein Theoretiker. Er ist ein Praktiker, der die Kältetechnik von der Pike auf gelernt hat.
Seine Laufbahn begann als Kälteanlagenbauer (heute: Kälte- und Klimamechatroniker), führte ihn über verschiedene Stationen bei Unternehmen wie Viessmann, Liebherr, Lennox und Knox Spa bis hin zu seiner heutigen Rolle bei Atmos Zero – einem amerikanischen Cleantech-Startup mit Wurzeln an der Colorado State University.

Diese Erfahrung prägt seine Sicht auf Technologie, Marktreife und Kundenanforderungen. „Ich war der Kältetechnik immer treu“, sagt er, „weil sie so viele Anwendungen hat – von Kühlung bis Dampferzeugung.“

Und genau hier setzt Atmos Zero an:
Die Umkehrung des Prinzips der Kältetechnik.


Wie funktioniert der Boiler 2.0?

Der Boiler 2.0 basiert auf einem simplen, aber genialen Konzept:
Eine Wärmepumpe nutzt Umgebungsluft oder Abwärme, um Wasser auf Dampf zu erhitzen.

„Wir haben den Prozess einfach umgekehrt“, erklärt Denis Schweizer. „Beim Kühlschrank entzieht der Verdampfer dem Raum Energie und gibt sie am Verflüssiger ab. Bei uns sitzt der kalte Teil obendrauf – und die warme Seite wird so heiß, dass Wasser verdampft.“

Mit dieser Umkehrung wird aus einer klassischen Kälteanlage eine hocheffiziente Dampferzeugungstechnologie, die ohne fossile Brennstoffe auskommt. Statt Gas oder Öl wird Strom genutzt – idealerweise aus erneuerbaren Quellen.

Technische Eckdaten des Boiler 2.0

  • Thermische Leistung: ca. 1 Megawatt

  • Dampfleistung: rund 1,5 Tonnen pro Stunde

  • Temperaturbereich: 150 °C (Basisversion), bis 190 °C ab 2027

  • Bauform: Kompaktmodul im 40-Fuß-Container

  • Installationszeit: ca. zwei Wochen

  • Wirkungsgrad (COP): zwischen 1,8 und 4, abhängig von Quelle und Temperaturhub


Vom Startup zur industriellen Lösung

Atmos Zero wurde 2021 gegründet – von einem Professor für Thermodynamik und einem Industrieveteranen aus dem Energiesektor. Bereits drei Jahre später steht das Unternehmen mit der ersten Pilotanlage in den USA bei New Belgium Brewing in der Praxis.
Ein zweites Projekt mit einer großen deutschen Kosmetikmarke startet 2026.

„Von der ersten PowerPoint-Präsentation bis zu einem serienfertigen Gerät, das bei einem Kunden Dampf produziert, hat es nur dreieinhalb Jahre gedauert.“

Das ist bemerkenswert für ein Technologie-Startup, das eine komplexe, thermodynamische Lösung entwickelt – üblicherweise dauert dieser Weg fünf bis sieben Jahre.


Industriepotenzial: Wo der Boiler 2.0 wirklich wirkt

Dampf ist in der Industrie allgegenwärtig – aber nicht jeder Prozess ist gleich. Atmos Zero konzentriert sich gezielt auf mittlere Temperaturbereiche (120–180 °C), die den Großteil der industriellen Anwendungen abdecken.

Typische Branchen und Anwendungen:

  • Brauereien und Getränkeindustrie: Würzekochen, Reinigung, Pasteurisierung

  • Lebensmittelverarbeitung: Sterilisation, Trocknung, Abfüllung

  • Pharmaindustrie: Prozessdampf, Reinräume, Desinfektion

  • Papier und Kartonage: Bügelprozesse, Heißölkreisläufe

  • Chemie & Kosmetik: Erhitzung, Destillation, Prozesswärme

„Wir decken eine Nische ab, die aber einen großen Teil dieser 2,25 Gigatonnen CO₂ abdeckt“, erklärt Denis Schweizer.

Für Hochtemperaturprozesse wie Stahl- oder Glasproduktion ist die Technologie noch nicht ausgelegt – doch das ist strategisch gewollt: Atmos Zero fokussiert sich auf den Teilmarkt, der mit elektrischer Energie realistisch dekarbonisiert werden kann.


Schnell, modular, zuverlässig: Plug-and-Play für die Industrie

Ein großer Vorteil des Boiler 2.0 ist seine einfache Integration.
Während klassische Wärmepumpen oft monatelange Planungs- und Installationsphasen erfordern, kommt die Atmos-Zero-Lösung vormontiert im Container.

„Das Einzige, was wir brauchen, ist ein Fundament, Wasserzufuhr und Stromanschluss. Dann wird eingeschaltet – und der Kunde hat grünen Dampf.“

Damit wird die Dampferzeugung zu einem Produkt statt einem Projekt – mit klar kalkulierbaren Kosten, kurzer Bauzeit und minimalem Risiko.

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Effizienz & Flexibilität: Das Herz der Technologie

Der Boiler 2.0 ist nicht nur sauber, sondern auch effizient.
Dank des Wärmepumpenprinzips kann Atmos Zero aus 1 kWh Strom bis zu 4–5 kWh thermische Energie gewinnen – je nach Betriebsbedingungen.

COP-Werte (Coefficient of Performance) im Überblick:

  • Umgebungsluftbetrieb: 1,8–2,0

  • Mit Abwärmeintegration (bis 45 °C): 2,3–2,4

  • Mit Prozesskälte-Kopplung: bis 2,6

Diese Werte sind vor allem deshalb interessant, weil sie deutlich über der Effizienz klassischer Elektroboiler (max. 98 %) liegen.

Und die Möglichkeit, Prozesskälte mitzuliefern, eröffnet neue Anwendungen in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, wo Kühlung und Dampf oft parallel benötigt werden.


Dekarbonisierung als Motivation – persönlich und unternehmerisch

Ein besonders bewegender Moment im Gespräch war, als Denis Schweizer über seine persönliche Motivation sprach:

„Man macht alles im Leben darauf ausgerichtet, dass es dem Kind mal gut geht. […] Dampf ist genau dort, wo man richtig was heben kann und wo man richtig was sauber machen kann für die Generationen, die kommen.“

Dieser Satz bringt die Energie hinter Atmos Zero auf den Punkt. Es geht nicht nur um Technik oder Märkte – es geht um Verantwortung und Gestaltungskraft.

Die elektrische Dampferzeugung ist kein Nischenthema, sondern eine reale Chance, industrielle Emissionen drastisch zu senken, ohne Produktionsprozesse komplett neu zu erfinden.


Pilotprojekte und Skalierung: Der Weg nach Europa

Mit dem US-Pilotprojekt in Betrieb und einer zweiten Anlage für Deutschland in Vorbereitung richtet sich der Blick auf die Skalierung.
In der neuen Produktionshalle in Colorado könnten bereits heute bis zu 100 Anlagen pro Jahr gefertigt werden – die Kapazitäten sind vorhanden.

Europa spielt in dieser Strategie eine zentrale Rolle:

  • Höheres Bewusstsein für Nachhaltigkeit und CO₂-Bepreisung

  • Politische Unterstützung durch EU-Taxonomie und Förderprogramme

  • Industrie mit hohem Prozesswärmebedarf

„Europa ist für uns ein ganz entscheidender Markt. Hier wird Nachhaltigkeit deutlich größer geschrieben als in den USA.“

Langfristig plant Atmos Zero auch eine europäische Fertigung, da rund 90 % der Komponenten ohnehin aus Europa stammen.


Fernwärme & Dampfnetze – eine interessante Randoption

In den USA ist Dampf-Fernwärme nach wie vor verbreitet – beispielsweise in New York City oder Boston, wo ganze Stadtteile mit Dampf beheizt werden.
In Europa ist das Bild anders: Nur wenige Netze sind noch aktiv, etwa in Mannheim, Flensburg oder Neumünster.

Trotzdem könnte die Technologie hier punktuell interessant werden – etwa für Krankenhäuser oder Industriezonen mit Restnetzen.

„Wir können unsere Anlage direkt neben den Verbraucher stellen – effizienter, mit weniger Druckverlust und wettergeschützt. Das ist ein echter Vorteil.“

Damit wird der Boiler 2.0 auch für dezentrale Anwendungen in bestehenden Infrastrukturen attraktiv.


Herausforderung Strommarkt und Betriebsstrategie

Natürlich stellt sich bei elektrischen Technologien immer die Frage:
Was passiert bei schwankenden Strompreisen oder volatiler Einspeisung?

Hier setzt Atmos Zero auf hybride Ansätze:
Wärmepumpe im Dauerlauf, kombiniert mit Boiler-Backup und Dampfspeicher für Lastspitzen.

„Eine Wärmepumpe läuft am besten, wenn sie 24/7 läuft. Aber wir können mit einem Boiler kombinieren und Peaks abfangen – auch bei Strompreisschwankungen.“

Damit wird die Lösung marktflexibel, ohne Effizienz oder Lebensdauer zu gefährden.


Investoren und Unabhängigkeit

Anders als viele Cleantech-Unternehmen ist Atmos Zero nicht von staatlichen Förderungen abhängig.
Das schafft Stabilität – besonders in Zeiten politischer Unsicherheit.

Die Finanzierung stammt von einer Mischung aus US- und EU-Investoren, darunter 2050 (London) und ein Berliner ClimateTech-Fonds.
Ziel ist, den europäischen Markteintritt strategisch und finanziell solide abzusichern.


Ausblick: Von der Pilotphase zur Gigafactory

Die Vision ist groß – und sie hat bereits Gestalt angenommen.
Auf dem Gelände einer ehemaligen HP-Fabrik in den USA soll in den kommenden Jahren eine Gigafactory entstehen, die mehrere tausend Boiler 2.0 pro Jahr produzieren kann.

Parallel sucht Atmos Zero in Europa Pilotpartner – vor allem im Food-, Beverage- und Pharma-Bereich, wo Dampf kontinuierlich benötigt wird.

„Wir suchen Pilotpartner, die Dampfbedarf mit 1,5 Tonnen pro Stunde haben – idealerweise im Dauerlauf. Wir wollen die Technologie vor Ort zeigen.“

Damit schlägt das Unternehmen die Brücke zwischen Innovation und industrieller Realität.


Fazit: Der Boiler 2.0 als Symbol für pragmatische Dekarbonisierung

Die Wärmepumpentechnologie hat die Gebäudewärme bereits revolutioniert – jetzt erreicht sie die Industrie.
Atmos Zero zeigt mit dem Boiler 2.0, dass Dampf CO₂-frei, effizient und wirtschaftlich erzeugt werden kann – ohne monatelange Projekte, ohne fossile Abhängigkeiten.

Es ist eine Lösung, die Technik, Wirtschaft und Verantwortung vereint: ein echter Hebel für die Energiewende in der Industrie.

„Der Dampf ist genau dort, wo man richtig was heben kann“, sagt Denis Schweizer – und vielleicht ist dieser Satz der beste Beweis dafür, dass Veränderung nicht nur möglich, sondern längst im Gange ist.

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👉 „Boiler 2.0: CO₂-freier Dampf aus der Wärmepumpe – Atmos Zero elektrifiziert die Industrie“