Europas Energiesouveränität entscheidet sich nicht nur in politischen Verhandlungen oder an internationalen Pipelines. Sie entscheidet sich auch dort, wo Strom erzeugt, gespeichert und intelligent genutzt wird. Für David Oudsandji, CEO und Mitgründer von Voltfang, ist deshalb klar: Europa braucht eine eigene, bezahlbare Energieversorgung aus Wind, Solar und Batteriespeichern, wenn Industrie, Elektromobilität und künstliche Intelligenz hier eine starke Zukunft haben sollen.
In dieser Folge von „Energie im Wandel“ sprechen wir über die Gründungsgeschichte von Voltfang, den Wandel vom Second-Life-Spezialisten zum Full-Service-Anbieter und die Frage, warum Batteriespeicher weit mehr leisten können als Solarstrom vom Mittag in den Abend zu verschieben. Es geht um Gewerbespeicher, Großspeicher, Ladeinfrastruktur, Energiehandel, Rechenzentren und unternehmerischen Mut. Hier kannst du die Podcastfolge mit David Oudsandji anhören.
Vom liegen gebliebenen Camper zum Batteriespeicherunternehmen
Manche Unternehmen beginnen mit einer Marktstudie, andere mit einem detaillierten Businessplan. Bei Voltfang stand am Anfang ein schlecht motorisierter Fiat Ducato namens Mia. David und seine späteren Mitgründer Roman Alberti und Afshin Doostdar nutzten den Camper während ihres Studiums an der RWTH Aachen für gemeinsame Reisen. Das Problem: Smartphones und Laptops entluden regelmäßig die Bordbatterie, sodass die Freunde den Pannendienst häufiger brauchten, als diesem lieb war.
Auf der Suche nach einer größeren Batterie entdeckten sie gebrauchte Tesla-Module. Für den Camper waren diese zu schwer. Doch Romans Vater suchte zeitgleich einen Speicher für den Solarstrom seiner Werkstatt. Die drei Studenten kombinierten die Module mit einem Wechselrichter, Open-Source-Software und einem Batteriemanagementsystem. Nach zehn Tagen hing ihr erster selbst gebauter Speicher an der Wand und verrichtete zuverlässig seinen Dienst.
Aus diesem Projekt entstand eine größere Frage: Was passiert mit Fahrzeugbatterien, die nicht mehr im Auto eingesetzt werden, aber technisch noch nutzbar sind? Ende 2019 und Anfang 2020 war der Markt für ihre Weiterverwendung unübersichtlich. David und seine Mitgründer erkannten darin eine unternehmerische Chance. Statt nach dem Studium den üblichen Weg in Beratung oder Großkonzern zu wählen, gründeten sie Voltfang.
Die ersten Kunden kamen nicht durch einen perfekten Vertriebskanal, sondern durch Hartnäckigkeit. Voltfang kommunizierte seine Idee, sprach Privatkunden an und telefonierte sich durch regionale Ansprechpartner bei Aldi. Irgendwann bat eine Regionalzentrale darum, keine weiteren Manager anzurufen, und signalisierte zugleich Interesse. Aus Beharrlichkeit wurde ein Pilotprojekt. Der Speicher in einer Filiale kombinierte Photovoltaik, Lastspitzenkappung und später weitere Anwendungen.
Warum Voltfang Second Life nicht einfach aufgegeben hat
Die Gründungsgeschichte ist eng mit gebrauchten Fahrzeugbatterien verbunden. Inzwischen ist Voltfang jedoch kein reiner Second-Life-Anbieter mehr. Die offizielle Kommunikation beschreibt den Schritt genauer: Das Unternehmen ergänzt wiederverwendete Module durch neue Batterien und verlagert seinen Schwerpunkt auf Planung, Systemintegration, Betrieb und Software. Second Life bleibt eine Option, ist aber nicht länger die einzige Grundlage jedes Projekts.
Dieser Strategiewechsel ist kein Widerspruch zur ursprünglichen Mission. Unterschiedliche Kunden benötigen unterschiedliche Leistungen, Kapazitäten, Garantien und Lieferzeiten. Wer schnell skalieren und große Projekte umsetzen will, muss für jeden Standort die technisch und wirtschaftlich passende Batterie auswählen können. Entscheidend ist nicht allein die Herkunft einer Zelle, sondern ihr Nutzen im Gesamtsystem.
Europas Energiesouveränität braucht erneuerbare Energie und Speicher
Europas Energieabhängigkeit ist nicht nur ein Klimaproblem. Sie betrifft Preise, Versorgungssicherheit, Außenpolitik und industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen können ihre Kosten kaum langfristig planen, wenn Gaspreise durch Kriege, blockierte Handelswege oder geopolitische Konflikte sprunghaft steigen. Eine eigene erneuerbare Stromversorgung reduziert diese Risiken.
Wind und Solar können große Mengen Strom in Europa erzeugen. Ihre Produktion schwankt jedoch. Batteriespeicher bringen die zeitliche Flexibilität ins System: Sie nehmen Strom auf, wenn viel verfügbar ist, und geben ihn ab, wenn Nachfrage und Preise steigen. Damit wird erneuerbare Energie planbarer, nutzbarer und wirtschaftlich wertvoller.
Europas Energiesouveränität bedeutet deshalb nicht vollständige Autarkie. Europa wird weiterhin Energie, Rohstoffe und Technologie handeln. Souveränität heißt, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren, Handlungsoptionen zu behalten und zentrale Infrastruktur selbst gestalten zu können. Wind, Solar und Batteriespeicher bilden dafür ein starkes Fundament.
Günstiger Strom wird zum industriellen Standortfaktor
Im Gespräch nennt David Stromgestehungskosten von etwa sechs bis acht Cent je Kilowattstunde für große Photovoltaikparks und ungefähr zehn Cent für Windenergie. Die Kombination aus Photovoltaik und Großspeichern verortet er grob zwischen acht und zwölf Cent. Solche Werte hängen stark von Standort, Finanzierung, Anlagengröße, Auslastung und Marktbedingungen ab. Die Richtung ist dennoch eindeutig: Erneuerbare Erzeugung und Batteriespeicher werden wirtschaftlich immer attraktiver.
Der Endpreis eines Stromkunden liegt deutlich höher, weil Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Vertrieb, Messung und Infrastruktur hinzukommen. Beim öffentlichen Laden bezahlen Kunden außerdem Standort, Bezahlsystem, Netzanschluss und verfügbare Ladeleistung. Die Kilowattstunde selbst erklärt deshalb nur einen Teil des Preises.
Für Industrie und Gewerbe zählt Planungssicherheit. Ein Unternehmen kann nicht darauf vertrauen, dass fossiles Gas dauerhaft günstig bleibt. Es kann aber Photovoltaik, Windstrom über Direktverträge und Batteriespeicher kombinieren. So werden Energiekosten über längere Zeiträume kalkulierbarer. Günstige Energie ist damit keine ökologische Zugabe, sondern ein zentraler Standortfaktor für Produktion, Digitalisierung und Beschäftigung.
Wie Batteriespeicher ihre Wirtschaftlichkeit vervielfachen
Ein Speicher, der ausschließlich überschüssigen Solarstrom aufnimmt und später abgibt, nutzt laut David nur einen kleinen Teil seines wirtschaftlichen Potenzials. Zusätzliche Anwendungen erhöhen den Wert: Lastspitzenkappung reduziert Leistungspreise, dynamische Stromtarife verschieben den Einkauf in günstige Stunden und Energiehandel erschließt weitere Erlöse.
Das Herzstück ist deshalb das Energiemanagementsystem. Es analysiert Verbrauch, Erzeugung, Preise und technische Grenzen. Daraus entscheidet es, wann die Batterie lädt, entlädt oder Kapazität vorhält. Für den Kunden soll die Komplexität verschwinden. Er möchte nicht täglich Handelsstrategien entwickeln, sondern seine Stromkosten senken und zuverlässig versorgt werden.
Voltfang bietet dafür unterschiedliche Modelle an. Unternehmen können einen Speicher kaufen und seine Amortisation berechnen lassen. Alternativ übernimmt Voltfang die Investition und garantiert über ein Contracting-ähnliches Modell einen günstigeren Strompreis. Das Unternehmen refinanziert den Speicher über eingesparte Kosten und Markterlöse. In beiden Fällen verbindet die Software mehrere Nutzen gleichzeitig.
Perspektivisch sollen verteilte Speicher zu einem virtuellen Kraftwerk gebündelt werden. Ein einzelner Gewerbespeicher ist für den Energiemarkt klein. Hunderte Anlagen können gemeinsam relevante Leistung bereitstellen. Trading behind the meter ermöglicht zudem, Speicher hinter dem Kundenanschluss stärker in den Handel einzubeziehen. Dadurch wird Flexibilität vom technischen Nebenprodukt zum wirtschaftlichen Vermögenswert.
Ladeinfrastruktur zeigt den Wert lokaler Speicher
Schnelllader werben häufig mit 180 oder 300 Kilowatt, erreichen diese Leistung aber nicht an jedem Standort. Oft begrenzt der Netzanschluss die tatsächlich verfügbare Energie. Ein lokaler Batteriespeicher kann langsam aus dem Netz laden und beim Ladevorgang kurzfristig hohe Leistung bereitstellen. Dadurch lässt sich leistungsfähige Ladeinfrastruktur errichten, ohne sofort den gesamten Anschluss auszubauen.
Diese Lösung ist für Tankstellen, Supermärkte und Ladeparks interessant. Voltfang arbeitet unter anderem mit Jet zusammen. Je höher die Ladeleistungen künftiger Fahrzeuge werden, desto wichtiger wird eine intelligente Kombination aus Netz, Speicher und Ladesäule. Gleichzeitig benötigen Menschen ohne eigenen Stellplatz weiterhin öffentliche Angebote.
Meine Erfahrung mit dem Elektroauto fällt positiv aus:
„Ich fahre schon viel elektrisch und ich habe es einfach noch nicht erlebt, dass ich nicht laden konnte.“
Reichweitenangst verschwindet trotzdem erst, wenn Ladepunkte sichtbar, zuverlässig und bezahlbar sind. Technische Verfügbarkeit allein genügt nicht. Transparente Tarife, einfache Bezahlung und passende Aufenthaltsorte gehören ebenfalls zu einer überzeugenden Nutzererfahrung. Batteriespeicher können dazu beitragen, mehr Standorte wirtschaftlich zu erschließen und hohe Leistungen zuverlässig anzubieten.
Unternehmertum als industriepolitische Notwendigkeit
David und seine Mitgründer starteten direkt nach dem Studium und mitten in der Coronapandemie. Sie hatten wenig unternehmerische Erfahrung, aber eine klare Überzeugung. Diese Naivität wurde zur Stärke: Wer alle Risiken eines Hardwareunternehmens vollständig kennt, beginnt möglicherweise nie.
David kritisiert, dass Deutschland vom Land der Ingenieure zu einem Land der Manager geworden sei. Etablierte Organisationen optimieren vorhandene Geschäftsmodelle, investieren aber selten entschlossen in unbewiesene Technologien. In den USA verstärken erfolgreiche Gründer und risikobereite Kapitalgeber dagegen einander. Scheitern gilt dort häufiger als notwendiger Teil von Innovation.
Sein Plädoyer findet im Gespräch meine unmittelbare Zustimmung:
„Das finde ich cool. Danke für das brennende Plädoyer für mehr Unternehmertum in Deutschland.“
Staatliche Unterstützung sollte aus Davids Sicht weniger über kleinteilige Förderprogramme und stärker über Nachfrage funktionieren. Der Staat kann als anspruchsvoller Kunde innovative Produkte beschaffen, statt Ausschreibungen so zu formulieren, dass nur etablierte Großkonzerne teilnehmen können. Das schafft Referenzen, Umsatz und Wettbewerb.
Nicht jede Investition wird erfolgreich sein. Industriepolitik muss deshalb Lernkosten akzeptieren, ohne Verantwortung aufzugeben. Europas Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch das Vermeiden jedes Fehlers, sondern durch die Fähigkeit, schneller zu lernen und erfolgreiche Ansätze zu skalieren. Unternehmen wie Voltfang zeigen, dass auch kapitalintensive Energietechnik aus Deutschland wachsen kann.
Vom Gewerbespeicher zum Großprojekt
Voltfang betreibt nach Angaben im Interview mehr als 300 Systeme und beschäftigt über 120 Menschen. Das Unternehmen analysiert Standorte, übernimmt Engineering und Umsetzung und kümmert sich anschließend um Betrieb, Wartung und Energiemanagement. Neben Gewerbespeichern werden zunehmend Großspeicher an Umspannwerken sowie neben Wind- und Solarparks entwickelt.
Der Markt für Netzanschlüsse ist hart umkämpft. Viele Projektentwickler haben Anfragen gestellt, ohne Grundstücke, Finanzierung, Lieferverträge oder Umsetzungskompetenz ausreichend abzusichern. Das blockiert Kapazitäten und belastet Netzbetreiber. Neue Vergabeverfahren sollen deshalb stärker berücksichtigen, ob Projekte tatsächlich realisierbar sind.
Voltfang sieht hier Vorteile durch eigene Engineering-Kompetenz, Lieferverträge und Finanzierungspartner. Besonders interessant ist Co-Location: Speicher werden direkt am Netzanschluss eines bestehenden Wind- oder Solarparks errichtet. Dieser Anschluss ist nicht ständig ausgelastet. Der Speicher nimmt Energie auf, wenn Erzeugung oder Netzengpässe eine direkte Einspeisung erschweren, und gibt sie später ab.
Ein aktuelles Beispiel ist der gemeinsame Co-Location-Großspeicher von Voltfang und Alterric am Windpark Berne. Das Projekt nutzt vorhandene Infrastruktur besser und kann Abregelungsverluste reduzieren. Solche Lösungen zeigen, dass Netzausbau und Speicher nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten.
Regionale Preise und ein intelligenteres Stromsystem
Mehr Speicher senken Systemkosten nur dann optimal, wenn Standort und Betriebsweise zu den Netzen passen. Ein einheitlicher Strompreis bildet regionale Überschüsse und Engpässe kaum ab. David hält regionalere Preissignale oder sogar knotenscharfe Preise deshalb grundsätzlich für sinnvoller als das heutige Modell.
Politisch ist diese Frage sensibel, weil Regionen unterschiedlich profitieren würden. Windreiche Gebiete könnten zeitweise niedrigere Preise sehen, während verbrauchsstarke Regionen höhere Signale erhalten. Ein Ausgleich kann erforderlich sein, sollte aber die physikalische Realität nicht verdecken. Im Gespräch formuliere ich es so:
„Aber es ist, glaube ich, mittlerweile eindeutig klar, dass der Kuchen insgesamt größer wird und es Sinn macht, darüber nachzudenken und man dann sehr gerne durch Umverteilen das auch wieder fair aufteilt.“
Gute Preissignale können Speicher dorthin lenken, wo sie Engpässe reduzieren und erneuerbaren Strom nutzbar machen. Das erhöht den gesamtwirtschaftlichen Nutzen. Verteilungspolitik bleibt wichtig, sollte aber auf einem effizienteren System aufbauen.
Warum Europas KI-Zukunft an Energie hängt
Künstliche Intelligenz steigert den Strombedarf von Rechenzentren erheblich. Gleichzeitig kann sie Nachfrage flexibler machen. Nicht jede Berechnung muss sofort erfolgen. Aufgaben ohne enge Zeitvorgabe können in Stunden mit viel Wind- oder Solarstrom verschoben werden. Batteriespeicher überbrücken Schwankungen und sichern die Stromqualität.
David beschreibt Konzepte, mit denen Rechenzentren einen großen Teil ihres Bedarfs durch Wind, Solar und Speicher decken könnten. Die genaue Wirtschaftlichkeit hängt von Standort, Lastprofil, Flächen, Netzanschluss und gewünschter Verfügbarkeit ab. Der Grundgedanke überzeugt: Recheninfrastruktur und Energieinfrastruktur müssen gemeinsam geplant werden.
Europa kann bei KI nur wettbewerbsfähig sein, wenn ausreichend günstiger und verlässlicher Strom verfügbar ist. Chips und Algorithmen allein reichen nicht. Rechenzentren entscheiden sich für Regionen, in denen Energie, Netze, Genehmigungen und Flächen zusammenpassen. Europas Energiesouveränität wird damit zur Voraussetzung digitaler Souveränität.
Batteriespeicher verbinden beide Welten. Sie stabilisieren lokale Netze, reduzieren Leistungsspitzen, ermöglichen den Einkauf in günstigen Stunden und können am Strommarkt teilnehmen. KI wiederum verbessert Prognosen und Steuerung. Diese Rückkopplung macht Speicher effizienter und Rechenzentren flexibler.
Fazit: Speicher sind das Rückgrat einer souveränen Energiezukunft
Die Geschichte von Voltfang beginnt mit gebrauchten Tesla-Modulen und einem Camper. Heute geht es um Gewerbespeicher, virtuelle Kraftwerke, Co-Location, Rechenzentren und europäische Expansion. Dieser Weg zeigt, wie schnell aus einer pragmatischen Idee strategische Infrastruktur entstehen kann.
David Oudsandjis zentrale Botschaft ist optimistisch und anspruchsvoll: Europa besitzt Technologie, Talente und erneuerbare Ressourcen. Es muss sich wieder zutrauen, daraus wettbewerbsfähige Unternehmen und ein eigenes Energiesystem aufzubauen. Batteriespeicher sind dabei kein Ersatz für Netze oder Erzeugung, sondern das verbindende Element.
Europas Energiesouveränität braucht günstige erneuerbare Energie, intelligente Speicher und mutige Unternehmer. Wenn diese drei Faktoren zusammenspielen, können Stromkosten sinken, Industrieinvestitionen attraktiver werden und neue Anwendungen wie KI klimafreundlich wachsen. Die technische Lösung ist greifbar. Jetzt zählen Geschwindigkeit, Skalierung und Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft.
Wenn du erfahren möchtest, warum Voltfang sein Second-Life-Modell erweitert hat, wie Gewerbespeicher Geld verdienen und welche Energieversorgung Rechenzentren künftig brauchen, hör dir die vollständige Folge von „Energie im Wandel“ an.