Ein virtuelles Kraftwerk beginnt nicht unbedingt hinter einem Kraftwerkszaun. Es kann auch dort entstehen, wo dein Elektroauto abends an der Wallbox steht. Wenn viele Haushalte ihren Stromverbrauch intelligent verschieben, entsteht eine Flexibilität, die am Energiemarkt einen Wert hat. Genau darüber spreche ich mit Matthias Martensen, Mitgründer und CEO von Ostrom, in dieser Folge von „Energie im Wandel“.
Die zugespitzte Idee hinter unserem Gespräch: Dein Auto soll nicht nur Strom verbrauchen, sondern dir durch flexibles Laden auch finanzielle Vorteile ermöglichen. Gemeint sind mögliche Gutschriften und eine optimierte Beschaffung, kein garantiertes Einkommen. Matthias erklärt, wie Ostrom diesen Ansatz umsetzt, warum Smart Meter dabei entscheidend sind und weshalb eine gute App allein noch keine funktionierende Energiewende macht. Es geht um Technik, Unternehmertum und erstaunlich viele Prozesse im Hintergrund.
Vom Beratungsprojekt zum eigenen Stromanbieter
Die Gründungsgeschichte beginnt mit einer Erfahrung, die Matthias während seiner Arbeit bei Oliver Wyman machte. Bei einem französischen Stromanbieter erlebte er zu Beginn der Coronapandemie, wie schnell ein wenig digitalisiertes Unternehmen an Grenzen stoßen konnte. Arbeitsplätze waren nicht ausreichend auf mobiles Arbeiten vorbereitet, und ein wichtiger Vertriebskanal fiel durch die Kontaktbeschränkungen aus.
Für Matthias wurde daraus eine unternehmerische Frage: Warum sollte Stromversorgung nicht ähnlich einfach und digital funktionieren wie andere Dienstleistungen? Statt die Branche nur weiter zu beraten, wollte er selbst etwas aufbauen. Mich interessiert deshalb, wie er den Sprung aus einem etablierten Beruf in die Gründung gewagt hat:
„Hattest du da finanzielle Rücklagen? Hattest du da einfach grenzenlose Zuversicht?“
Seine Antwort ist erfreulich bodenständig. Er hatte Rücklagen, setzte sich einen zeitlichen Rahmen und betrachtete ein mögliches Scheitern auch als Lernchance. Innerhalb des ersten Jahres entstanden nach seiner Schilderung ein Team, ein Produkt, erste Finanzierung und über tausend Kunden.
Ein virtuelles Kraftwerk braucht mehr als digitale Rechnungen
Ostrom startete mit einem konsequent digitalen Angebot für Privatkunden. Doch eine Rechnung auf dem Smartphone war für Matthias nie das eigentliche Ziel. Die größere Idee bestand darin, Haushalte aktiv an der Energiewende zu beteiligen und sie von ihrer Flexibilität profitieren zu lassen.
Der Unterschied ist wichtig: Digitalisierung kann einen bestehenden Ablauf bequemer machen. Sie kann aber auch ermöglichen, dass ein Haushalt eine neue Rolle im Energiesystem übernimmt. Aus einem Verbraucher, dessen Jahresmenge irgendwann abgelesen wird, wird ein Teilnehmer, dessen zeitlicher Bedarf berücksichtigt werden kann.
Ein virtuelles Kraftwerk bündelt dafür zahlreiche dezentrale Anlagen über Software. Bei Ostrom heißt dieses Angebot NeoGrid. Im Interview stehen Elektroautos und Heimspeicher im Mittelpunkt. Sie werden gemeinsam optimiert, ohne dass die einzelnen Haushalte selbst am Strommarkt handeln müssen. Das ist der eigentliche Perspektivwechsel: Nicht jeder braucht einen eigenen Energiehändler am Küchentisch. Die Koordination übernimmt eine digitale Plattform.
Dein Auto soll rechtzeitig voll sein, nicht deine Aufmerksamkeit beanspruchen
Matthias beschreibt den gewünschten Kundennutzen an einem einfachen Beispiel: Du legst fest, wann dein Elektroauto geladen sein soll. Die Software sucht innerhalb des verfügbaren Zeitfensters passende Ladezeiten. Sie kann den Ladevorgang starten, unterbrechen und neu planen, ohne dass du laufend auf die Strompreise schauen musst.
Damit wird Flexibilität alltagstauglich. Niemand muss seinen Morgenkaffee verschieben oder nachts aufstehen, um einen günstigen Preis zu erwischen. Entscheidend sind Geräte, deren Energiebedarf zeitlich beweglich ist. Ein Auto, das mehrere Stunden angeschlossen bleibt, bietet dafür andere Möglichkeiten als ein Wasserkocher.
Dabei geht es im beschriebenen Modell nicht um die Rückspeisung von Strom aus dem Fahrzeug ins Netz. Schon das Verschieben des Strombezugs kann wirtschaftlich genutzt werden. Ostrom erläutert diesen Unterschied auch in seinen Informationen zur kompatiblen Ladetechnik. Das Auto bleibt also zunächst Verbraucher, dessen Ladezeit intelligent angepasst wird.
Wie ein virtuelles Kraftwerk am Strommarkt arbeitet
Im Gespräch erklärt Matthias, dass Ostrom die Anlagen am Intraday-Markt optimiert. Dort kann Strom kurzfristig nachgehandelt werden. Der Hintergrund ist leicht nachvollziehbar: Wetterprognosen verändern sich, und damit verändern sich auch die erwartete Stromerzeugung und die Marktpreise. Ein einmal festgelegter Ladeplan muss deshalb nicht bis zum nächsten Morgen unverändert bleiben.
Matthias beschreibt eine laufende Anpassung der Fahrpläne. Das bedeutet nicht, dass jede Batterie ständig hektisch geladen und entladen werden soll. Vielmehr versucht die Optimierung, die verfügbaren Spielräume unter den jeweiligen Bedingungen wirtschaftlich einzusetzen. Ein Fahrzeug bietet dabei andere Möglichkeiten als ein stationärer Speicher.
Für die Einordnung ist wichtig: Matthias spricht im Interview ausdrücklich über Intraday-Handel, nicht über eine bereits etablierte Teilnahme dieses Angebots am Regelenergiemarkt. Beides sollte nicht verwechselt werden. Ein virtuelles Kraftwerk ist eine Organisationsform; welche Leistungen es tatsächlich erbringt, hängt von seiner technischen und marktlichen Ausgestaltung ab.
Gutschriften und dynamische Tarife sind nicht dasselbe
Eine spannende Differenzierung betrifft das Tarifmodell. Ostrom bietet laut Matthias nicht nur dynamische Tarife an. Auch Kunden mit einem festen Preis können grundsätzlich für die Teilnahme am virtuellen Kraftwerk infrage kommen, sofern die technischen und vertraglichen Voraussetzungen erfüllt sind. Die Wahl eines Tarifs und die Bereitstellung von Flexibilität sind also zwei unterschiedliche Entscheidungen.
Beim dynamischen Tarif verändert sich der verbrauchsabhängige Preis mit dem Börsenpreis. Bei NeoGrid entsteht ein weiterer Mechanismus: Die Optimierung kann Vorteile erzeugen, an denen Kunden über Gutschriften beteiligt werden. Ostrom beschreibt diese als NeoGrid Credits. Die Funktionsweise erläutert der Anbieter in seinem Hilfebereich.
Das ist keine Zusage eines festen jährlichen Ertrags. Ob sich ein Angebot lohnt, hängt unter anderem von Verbrauch, Ladefenstern, Gerät, Tarif und Teilnahmebedingungen ab. Für einen ehrlichen Vergleich zählt die gesamte Rechnung. Ein attraktiver Bonus allein sagt noch wenig darüber aus, welches Modell für deinen Haushalt passt.
Ohne nutzbare Messdaten bleibt Flexibilität unsichtbar
Der größte Engpass zieht sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch: Smart Meter und die dazugehörigen Datenprozesse. Matthias berichtet, dass selbst bei einem digital ausgerichteten Anbieter nur ein Teil der Kunden die notwendige Messinfrastruktur habe. Seine genannten Kundenzahlen beschreiben den Stand des Interviews, nicht automatisch den heutigen Markt.
Warum sind die Daten so wichtig? Wenn Verbrauch nur über ein Standardlastprofil abgebildet wird, kommt eine tatsächliche zeitliche Verschiebung nicht automatisch genauso in Beschaffung und Abrechnung an. Ein Gerät kann dann technisch intelligent gesteuert werden, während der wirtschaftliche Anreiz unzureichend beim Kunden ankommt.
Für dynamische Stromtarife nennt die Bundesnetzagentur ein intelligentes Messsystem als Voraussetzung. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass Börsenpreisschwankungen sowohl niedrigere als auch höhere Arbeitspreise bedeuten können. Ihre Verbraucherinformationen erklären Voraussetzungen und Risiken. Ein virtuelles Kraftwerk braucht daher nicht bloß eine Verbindung zum Gerät, sondern eine passende und verlässlich funktionierende Datenbasis.
Der eingebaute Zähler ist erst der Anfang
Besonders eindrücklich sind Matthias’ Erfahrungen mit Zählerwechseln. Er schildert Fälle, in denen ein intelligenter Zähler installiert war, die benötigten Daten beim Lieferanten aber trotzdem nicht ankamen. Der physische Einbau und die korrekte Verarbeitung in den beteiligten Systemen sind offenbar zwei unterschiedliche Erfolgskriterien.
Ostrom habe deshalb einen Ansatz mit einem externen Messdienstleister wieder aufgegeben. Stattdessen unterstütze das Unternehmen Kunden dort bei der Bestellung, wo die Abläufe mit dem zuständigen Messstellenbetreiber zuverlässig funktionierten. Diese Erfahrungen sind keine pauschale Bewertung aller Netzbetreiber. Sie zeigen aber, wie eng Kundenerlebnis und Marktkommunikation zusammenhängen.
Für mich steckt darin eine wichtige Botschaft an die Branche: Die Kundin interessiert sich nicht dafür, an welcher Schnittstelle eine Meldung hängen bleibt. Sie hat etwas bestellt und erwartet, dass es funktioniert. Wer Flexibilität ermöglichen möchte, muss deshalb die gesamte Strecke betrachten: Bestellung, Einbau, Datenübertragung, Verarbeitung und verständliche Abrechnung.
Solardach und Heimspeicher verändern die Optimierung
Ein Haushalt mit Photovoltaik hat andere Voraussetzungen als ein Haushalt ohne eigene Erzeugung. Deshalb frage ich Matthias:
„Berücksichtigt ihr auch PV-Eigenproduktion? Ist das auch etwas, was ihr auf dem Zettel habt?“
Im Gespräch wird deutlich, dass unterschiedliche Funktionen und Entwicklungsstände auseinandergehalten werden müssen. Matthias spricht über Prognosen für Solarerzeugung und Haushaltsverbrauch sowie über den Ausbau des Überschussladens. Eine Prognose berücksichtigt erwartete Mengen; eine zuverlässige Steuerung muss diese Erwartungen anschließend mit dem tatsächlichen Verhalten verbinden.
Für einen Heimspeicher verändert sich die Aufgabe außerdem über das Jahr. Im Sommer steht häufig die Nutzung des eigenen Solarstroms im Vordergrund. Im Winter kann die Optimierung des Netzbezugs wichtiger werden. Das ist keine feste Regel für jeden Haushalt, sondern hängt vom konkreten Erzeugungs- und Verbrauchsprofil ab.
Ein virtuelles Kraftwerk sollte deshalb nicht nur einzelne günstige Stunden suchen. Es muss das Zusammenspiel von Fahrzeug, Speicher, Solaranlage und verbleibendem Strombedarf sinnvoll berücksichtigen.
Warum sich ein zusätzlicher Speicher nicht automatisch rechnet
Im Interview frage ich auch nach kleinen Speichern für Haushalte, die ihren Verbrauch kaum verschieben können. Matthias ist hier überraschend zurückhaltend. Nur weil eine Batterie technisch günstigere Bezugszeiten ermöglichen kann, ist ihre Anschaffung noch nicht wirtschaftlich sinnvoll.
Sein Einwand: Zwischen günstigem Einkauf und späterer Nutzung liegen Speicherverluste. Außerdem besteht der Haushaltsstrompreis nicht nur aus dem Börsenpreis. Anschaffung und Nutzung müssen deshalb gegen die tatsächlich erreichbaren Vorteile gerechnet werden. Gerade bei geringem Verbrauch können die Spielräume kleiner ausfallen, als eine attraktive Preiskurve vermuten lässt.
Die wichtige Unterscheidung lautet: Nutze ich ein ohnehin vorhandenes Gerät flexibler, oder kaufe ich zusätzliche Technik allein für diesen Zweck? Das sind verschiedene Ausgangslagen. Ein virtuelles Kraftwerk kann vorhandene Flexibilität erschließen. Es macht aber nicht automatisch jede Investition in neue Hardware sinnvoll. Diese Nüchternheit gefällt mir, weil sie den tatsächlichen Kundennutzen über ein möglichst großes Technikversprechen stellt.
Günstiger Strom heißt nicht automatisch freies Netz
An einer Stelle wird das Gespräch besonders relevant für Stadtwerke und Netzbetreiber. Ich spreche einen Zielkonflikt an:
„Ich frage mich auch noch, nur weil der Strompreis niedrig ist, heißt das ja gar nicht, dass unbedingt auch lokal die Netze das hergeben, jetzt viel Strom zu verbrauchen.“
Ein deutschlandweites Preissignal beschreibt nicht die Belastung jedes einzelnen Ortsnetzes. Deshalb sollten wir marktorientierte Optimierung und lokale Netzentlastung nicht gleichsetzen. Matthias erklärt, dass Ostrom zeitvariable Netzentgelte berücksichtigt, wenn die entsprechenden Voraussetzungen beim Kunden erfüllt sind.
Die Bundesnetzagentur beschreibt Modul 3 als zeitvariables Netzentgelt mit festgelegten Preisstufen und Zeitfenstern. Es kann mit Modul 1 kombiniert werden und soll Verbrauch in geringer ausgelastete Zeiten verschieben. Das ist kein ständig aktualisiertes Echtzeitsignal für jeden lokalen Engpass. Die offiziellen Erläuterungen helfen bei der Einordnung.
Für ein virtuelles Kraftwerk bedeutet das: Gute Optimierung muss mehrere Signale zusammenbringen, statt ausschließlich auf einen niedrigen Börsenpreis zu reagieren.
Wärmepumpen: Viel Potenzial, zusätzliche Anforderungen
Nach Elektroautos und Heimspeichern richtet Ostrom den Blick auf Wärme. Matthias beschreibt im Interview allerdings auch die Schwierigkeiten. Die verfügbaren Herstellerschnittstellen erlauben nicht immer die Eingriffe, die für eine umfassende Optimierung notwendig wären. Zugleich darf eine Steuerung den gewünschten Wohnkomfort nicht unbeabsichtigt beeinträchtigen.
Damit wird klar, warum nicht jedes flexible Gerät gleich behandelt werden kann. Bei einem Elektroauto ist die Zielvorgabe vergleichsweise übersichtlich: Zu einem bestimmten Zeitpunkt soll ein bestimmter Ladezustand erreicht sein. Bei einer Wärmepumpe spielen Gebäude, thermische Speicher und Heizverhalten zusätzlich hinein. Eine Veränderung der Raumtemperatur ist nicht dasselbe wie die intelligente Nutzung eines Wärmespeichers.
Matthias beschreibt den Ausbau der Speicheranbindung und anschließend das Thema Wärme als weitere Schritte. Diese Aussagen sind eine Roadmap zum Zeitpunkt des Gesprächs, keine pauschale Zusage bereits verfügbarer Funktionen. Für Interessierte bleibt deshalb wichtig, die aktuelle Kompatibilität und den tatsächlichen Funktionsumfang des eigenen Geräts zu prüfen.
Für die Praxis nehme ich deshalb drei Prüfsteine mit. Erstens: Ist die gewünschte Funktion für meine vorhandenen Geräte tatsächlich verfügbar? Zweitens: Werden meine Messdaten zuverlässig übertragen und korrekt abgerechnet? Drittens: Verstehe ich, woraus ein finanzieller Vorteil entsteht und welche Bedingungen dafür gelten? Diese Fragen klingen weniger spektakulär als ein neues Geschäftsmodell. Sie entscheiden aber darüber, ob aus einer guten Idee ein überzeugendes Angebot wird. Genau an dieser Verbindung von Technik und Alltag zeigt sich für mich die Qualität der Energiewende.
Mein Fazit: Die Energiewende muss im Alltag funktionieren
Das Gespräch mit Matthias zeigt, wie viel Potenzial zwischen vorhandener Technik und ihrer intelligenten Nutzung liegt. Ein virtuelles Kraftwerk kann Haushalte zu aktiven Teilnehmern machen, ohne dass sie täglich Energiepreise studieren müssen. Dafür braucht es jedoch mehr als Begeisterung für Software: Messdaten, zuverlässige Schnittstellen, passende Anreize und nachvollziehbare Abrechnungen müssen zusammenpassen.
Für Stadtwerke ist das eine Einladung, die eigene Rolle weiterzudenken. Wer Kunden nicht nur Strom liefert, sondern ihre Geräte verständlich und zuverlässig einbindet, kann zusätzlichen Nutzen schaffen. Entscheidend ist, dass die versprochene Einfachheit auch hinter der Benutzeroberfläche trägt.
Du möchtest erfahren, wie Matthias diese Herausforderungen angeht? Den Zugang zu „Energie im Wandel“ findest du auf meiner Podcast-Seite. Weitere Perspektiven auf Strom, Wärme und Transformation gibt es in meinem Energiewende-Blog.
Meine wichtigste Erkenntnis: Wir müssen nicht jeden Menschen zum Stromhändler machen. Wir müssen Systeme schaffen, die Flexibilität einfach nutzbar machen und ihren Wert fair weitergeben.