Podcast: Energie im Wandel
Host: Claus Hartmann
Gast: Dyke Wilke, CEO und Co-Founder von fleXality
Thema: Energieflexibilität, Industrie, Resilienz, KI, dynamische Strompreise, Dekarbonisierung
Podcastfolge anhören: Flexibilität als neues Gold: Wie fleXality Industrieenergie intelligent steuerbar macht
Die Energiewende ist längst keine abstrakte Zukunftsaufgabe mehr. Sie ist Gegenwart. Sie entscheidet darüber, wie Unternehmen produzieren, wie Stadtwerke ihre Rolle neu definieren und wie widerstandsfähig unsere Wirtschaft in einer Welt volatiler Energiepreise bleibt.
Oder, wie es Claus Hartmann zu Beginn der Folge auf den Punkt bringt:
„Die Energiewirtschaft steckt in der größten Transformation ihrer Geschichte und der Druck aus Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit steigt.“
In der aktuellen Folge von „Energie im Wandel“ spricht Claus Hartmann mit Dyke Wilke, CEO und Co-Founder von fleXality. Es ist ein Gespräch über Energie als Entwicklungsfaktor, über persönliche Prägung, industrielle Realität und über eine der großen Chancen der kommenden Jahre: Energieflexibilität in der Industrie.
Denn die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: Woher kommt unsere Energie?
Sondern auch: Wann verbrauchen wir sie, wie flexibel können wir sie einsetzen und wie intelligent steuern wir unsere Prozesse?
Von Westafrika zur Energieflexibilität
Dyke Wilkes Blick auf Energie ist nicht am Schreibtisch entstanden. Er wurde geprägt durch Erfahrungen in Westafrika, unter anderem in Kamerun, Nigeria und im Tschad. Dort wurde Energie für ihn greifbar als das, was sie im Kern ist: Grundlage für Entwicklung, Sicherheit, Ernährung, Mobilität und wirtschaftliche Teilhabe.
In Kamerun arbeitete er an einem Solarprojekt, bei dem Fisch mithilfe von Solartrocknern konserviert werden sollte. Der Hintergrund war ebenso einfach wie dramatisch: Traditionell wurde Mangrovenholz zum Räuchern genutzt. Doch Mangroven sind Schutzraum für junge Fische. Wer sie abholzt, zerstört langfristig auch die Grundlage der Fischerei.
Energie, Ökologie und wirtschaftliche Existenz hängen also unmittelbar zusammen.
Später, im Tschad, wurde diese Erkenntnis noch radikaler. In einem Land mit extrem niedrigem Energieverbrauch, instabiler Infrastruktur und enormem Solarpotenzial wurde sichtbar, wie groß der Unterschied zwischen Energiearmut und Energieverfügbarkeit wirklich ist. Für Dyke Wilke wurde daraus eine berufliche und persönliche Motivation: Energie muss sauberer, intelligenter und nutzbarer werden.
Diese Perspektive macht das Gespräch besonders spannend. Denn fleXality ist kein Unternehmen, das Flexibilität nur als Marktmechanismus betrachtet. Es geht um viel mehr: um Resilienz, Zukunftsfähigkeit und die Frage, wie Unternehmen in einem zunehmend volatilen Energiesystem handlungsfähig bleiben.
Energie nicht mehr nur verbrauchen, sondern aktiv steuern
Ein zentraler Gedanke der Folge ist die Verschiebung vom passiven Energieverbrauch zur aktiven Energiesteuerung.
Viele Unternehmen betrachten Energie noch immer als Kostenblock. Strom kommt aus dem Netz, Gas aus der Leitung, am Ende steht eine Rechnung. Doch dieses Denken passt immer weniger zu einem Energiesystem, das von erneuerbaren Energien, schwankender Einspeisung, dynamischen Strompreisen und neuen Speichern geprägt ist.
Genau hier setzt fleXality an.
Das Unternehmen nutzt Daten aus industriellen Prozessen, um Verbrauchsprognosen zu erstellen und Energieflüsse zu optimieren. Dabei geht es nicht nur um klassische Effizienz, sondern um zeitliche Flexibilität: Wann kann ein Prozess laufen? Wann ist Strom günstig? Wann lohnt Eigenverbrauch? Wann sollte ein Speicher geladen oder entladen werden? Wann kann ein Blockheizkraftwerk sinnvoll eingesetzt werden?
Dyke Wilke beschreibt im Interview, dass in industriellen Anlagen oft bereits zahlreiche Datenpunkte vorhanden sind. Verbraucher, Erzeuger, Speicher und technische Systeme produzieren Informationen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Daten nutzbar zu machen.
Hier kommen Machine Learning, Prognosen und mathematische Optimierung ins Spiel. Nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug, um industrielle Energieprozesse wirtschaftlicher und resilienter zu gestalten.
Warum Tiefkühllager plötzlich zu Energiespeichern werden
Besonders anschaulich wird das Thema am Beispiel von Tiefkühllagern.
Ein Tiefkühllager ist nicht nur ein Verbraucher. Es kann unter bestimmten Bedingungen auch als thermischer Speicher funktionieren. Wenn Strom günstig ist oder viel PV-Strom verfügbar ist, kann stärker gekühlt werden. Wenn Strom teuer ist, kann die Anlage zeitweise weniger Leistung aufnehmen, ohne dass die Produktqualität gefährdet wird.
Natürlich ist das kein Freifahrtschein. Temperaturgrenzen, Produktanforderungen, technische Zustände und Betriebsprozesse müssen berücksichtigt werden. Doch genau darin liegt die Kunst: Flexibilität zu heben, ohne die Sicherheit des Prozesses zu gefährden.
Im Gespräch wird deutlich, dass gerade im Tiefkühlbereich mehrere Kelvin Temperaturbandbreite nutzbar sein können. Bei bestimmten Anwendungen sogar mehr. Damit entsteht ein wirtschaftlich relevantes Flexibilitätspotenzial, das günstiger sein kann als ein rein elektrischer Batteriespeicher.
Diese Perspektive ist wichtig für die Energiewende in der Industrie. Denn Flexibilität muss nicht immer bedeuten, neue Großanlagen zu bauen. Oft geht es darum, vorhandene Prozesse besser zu verstehen und intelligenter zu steuern.
KI, Algorithmen und die Realität industrieller Prozesse
Im Interview wird auch ein wichtiger Punkt angesprochen: Nicht jede KI ist ein Large Language Model. Während viele Menschen bei KI sofort an ChatGPT und andere Sprachmodelle denken, geht es bei fleXality vor allem um Mustererkennung, Prognosen und Optimierung.
Das klingt technisch, ist aber für Unternehmen sehr konkret.
Wenn ein Betrieb eine PV-Anlage, ein Blockheizkraftwerk, einen Batteriespeicher, einen Wärmespeicher und flexible Verbraucher hat, entsteht schnell eine hohe Komplexität. Eine einfache Regel wie „Batterie laden, wenn Sonne scheint“ reicht dann nicht mehr aus. Denn gleichzeitig spielen Strompreise, Leistungspreise, Eigenverbrauch, Wärmenachfrage, Produktionspläne und Netzanschlusskapazitäten eine Rolle.
Genau hier können Algorithmen einen echten Mehrwert liefern. Sie können viele Einflussgrößen gleichzeitig berücksichtigen und daraus eine optimierte Betriebsstrategie ableiten.
Der Unterschied zwischen einer starren Regelung und einer intelligenten Optimierung kann wirtschaftlich erheblich sein. Besonders dann, wenn Unternehmen nicht nur Energie sparen, sondern auch Preisspitzen vermeiden, günstige Zeitfenster nutzen und bestehende Anlagen besser auslasten wollen.
Resilienz wird zum Standortfaktor
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist Resilienz. Seit der Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine ist vielen Unternehmen klar geworden, wie verletzlich Energieversorgung und Energiepreise sein können. Gaspreise, Strommärkte, geopolitische Risiken und Importabhängigkeiten sind keine theoretischen Größen mehr. Sie wirken direkt auf Bilanzen, Investitionsentscheidungen und Wettbewerbsfähigkeit.
Claus Hartmann fragt im Gespräch:
„Wie glaubst du, dass diese Themen entweder bei euch oder auch tatsächlich bei euren Kundinnen und Kunden stärker ausgeprägt werden können?“
Die Antwort darauf liegt in mehr Transparenz und Steuerbarkeit. Unternehmen, die ihre Energieflüsse nicht kennen, können kaum resilient handeln. Wer aber weiß, wann welche Anlage wie viel Energie benötigt, welche Flexibilitäten vorhanden sind und welche Kostenstrukturen dahinterliegen, kann bessere Entscheidungen treffen.
Energieflexibilität ist damit nicht nur ein Klimaschutzinstrument. Sie ist auch ein Instrument zur Risikoreduktion.
Für Industrieunternehmen bedeutet das: Wer heute in digitale Energiesteuerung investiert, schafft sich morgen mehr Spielraum. Das gilt besonders für Unternehmen mit thermischen Prozessen, Kältebedarf, Wärmespeichern, PV-Anlagen, Blockheizkraftwerken oder Batteriespeichern.
Warum Flexibilität für Stadtwerke und Industrie gleichermaßen relevant ist
Der Podcast „Energie im Wandel“ richtet sich nicht nur an Industrieunternehmen, sondern auch an Stadtwerke und Entscheidungsträger in der Energiewirtschaft. Gerade deshalb ist diese Folge besonders relevant.
Denn Flexibilität wird in einem erneuerbaren Energiesystem zur Schlüsselressource. Je mehr Wind- und Solarstrom ins System kommen, desto wichtiger wird es, Verbrauch und Erzeugung besser aufeinander abzustimmen. Das betrifft Haushalte, Gewerbe, Industrie, Netzbetreiber, Direktvermarkter und Energieversorger.
Stadtwerke können hier eine neue Rolle einnehmen: nicht nur als Lieferanten von Energie, sondern als Ermöglicher intelligenter Energielösungen. Sie können Unternehmen dabei unterstützen, Flexibilitätspotenziale zu erkennen, Geschäftsmodelle zu entwickeln und lokale Energiesysteme resilienter zu machen.
Gleichzeitig zeigt das Gespräch, dass regulatorische Komplexität nicht jedes Projekt dominieren muss. Gerade hinter dem Netzanschlusspunkt, also „behind the meter“, lassen sich viele Optimierungen realisieren, ohne sofort in die ganz großen regulatorischen Debatten einzusteigen.
Das macht das Thema praxisnah. Es geht nicht darum, auf perfekte politische Rahmenbedingungen zu warten. Es geht darum, vorhandene Chancen zu nutzen.
Zwischen Mut, Markt und Machbarkeit
Ein starkes Motiv der Folge ist Mut. Dyke Wilke spricht davon, dass wir mehr ausprobieren, mehr pilotieren und mehr umsetzen müssen. Die Technik ist in vielen Fällen vorhanden. Die Potenziale sind da. Was häufig fehlt, ist der Wille, alte Denkmuster zu verlassen.
Auch Claus Hartmann bringt diesen Gedanken aus seiner Perspektive ein:
„Also die Regularien, die uns heute vielleicht manchmal noch im Weg stehen, sind natürlich von Menschenhand auch wieder zu ändern.“
Dieser Satz ist wichtig, weil er Verantwortung zurückholt. Märkte, Regeln, Prozesse und Organisationsstrukturen sind nicht naturgegeben. Sie wurden gestaltet und können neu gestaltet werden. Genau das braucht die Energiewende: technische Lösungen, aber auch Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Das gilt für Start-ups wie fleXality ebenso wie für Stadtwerke, Industrieunternehmen, Netzbetreiber, Politik und etablierte Energiekonzerne.
Die Energiewende scheitert nicht daran, dass es keine Ideen gibt. Sie scheitert dort, wo gute Ideen nicht in die Umsetzung kommen.
Für welche Unternehmen ist Energieflexibilität besonders spannend?
Im Interview wird deutlich, dass fleXality vor allem Unternehmen mit relevanten Energieverbräuchen und steuerbaren Prozessen adressiert. Besonders interessant sind Betriebe mit einem jährlichen Stromverbrauch ab etwa einer Gigawattstunde bis in den zweistelligen Gigawattstundenbereich.
Dazu gehören beispielsweise Lebensmittelproduzenten, Tiefkühllogistiker, Papierindustrie, Chemiebetriebe oder andere produzierende Unternehmen mit größerem thermischem Bedarf. Spannend wird es besonders dann, wenn mehrere Anlagen zusammenspielen: PV, BHKW, Speicher, Wärme, Kälte und flexible Verbraucher.
Dabei geht es nicht darum, Produktionsprozesse leichtfertig zu verändern. Im Gegenteil: Kritische Prozesse bleiben geschützt. Flexibilität entsteht vor allem dort, wo technische Systeme automatisiert sind und innerhalb sicherer Grenzen optimiert werden können.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Energieflexibilität bedeutet nicht Chaos im Betrieb. Sie bedeutet, vorhandene Spielräume systematisch, datenbasiert und wirtschaftlich zu nutzen.
Warum Transparenz der erste Schritt ist
Viele Unternehmen wissen erstaunlich wenig darüber, wie sich ihre Energiekosten genau zusammensetzen. Arbeitspreise, Leistungspreise, Einspeisung, Eigenverbrauch, Lastspitzen und flexible Zeitfenster werden oft nicht in einem integrierten Bild betrachtet.
fleXality setzt deshalb zunächst bei Transparenz an. Erst wenn sichtbar wird, welche Energieflüsse wann auftreten, lassen sich sinnvolle Optimierungen ableiten.
Das klingt simpel, ist aber ein entscheidender Schritt. Denn ohne Transparenz bleiben Flexibilitätspotenziale unsichtbar. Und was unsichtbar bleibt, wird nicht genutzt.
Gerade in Zeiten volatiler Strompreise kann dieser blinde Fleck teuer werden. Unternehmen, die Energie weiterhin nur als statische Versorgung betrachten, verpassen wirtschaftliche Chancen. Unternehmen, die Energie aktiv steuern, können dagegen Kosten senken und ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Die Energiewende braucht Umsetzung
Am Ende der Folge steht ein klares Plädoyer. Es geht nicht mehr nur um Studien, Konzepte und Zukunftsbilder. Es geht darum, die vorhandenen Lösungen in die Breite zu bringen.
Claus Hartmann formuliert es am Ende treffend:
„Gut, das würde ich als Schlusswort stehen lassen, dass wir da einfach in die Umsetzung kommen und es machen.“
Genau darin liegt die Kraft dieser Podcastfolge. Sie zeigt, dass Energieflexibilität kein abstraktes Expertenthema ist. Sie ist ein konkretes Werkzeug für Unternehmen, die ihre Energiekosten senken, ihre Prozesse resilienter machen und zur Energiewende beitragen wollen.
Sie zeigt auch, dass Technologie nur ein Teil der Antwort ist. Entscheidend sind Menschen, die neugierig bleiben, Komplexität nicht scheuen und bereit sind, neue Wege zu gehen.
Dyke Wilkes Weg von Westafrika über erneuerbare Energiesysteme bis zur Gründung von fleXality macht deutlich: Energie ist nie nur Technik. Energie ist Entwicklung, Verantwortung und Zukunft.
Für Industrieunternehmen, Stadtwerke und Energieentscheider lautet die Botschaft dieser Folge deshalb sehr klar: Flexibilität ist kein Nebenthema der Energiewende. Sie ist einer ihrer zentralen Schlüssel.
Und wer heute beginnt, Energie intelligent zu steuern, schafft sich morgen einen echten Vorteil.