Die Wärmepumpe zum No-Brainer zu machen, klingt zunächst nach einer ambitionierten Aufgabe. Schließlich wurde in Deutschland kaum eine andere Technologie in den vergangenen Jahren so emotional diskutiert. Für Dr. Jan Ossenbrink, Mitgründer und CEO von Vamo, ist die entscheidende Richtungsfrage jedoch längst beantwortet: Die Wärmepumpe wird zur dominierenden Technologie für die Gebäudeheizung. Jetzt kommt es darauf an, den Wechsel für Hauseigentümer, Fachbetriebe und Stromnetze gleichermaßen attraktiv zu gestalten.
In der aktuellen Folge von „Energie im Wandel“ spreche ich mit Jan über Technik, Wirtschaftlichkeit und politische Rahmenbedingungen. Wir räumen mit hartnäckigen Vorurteilen auf, schauen in den Heizungskeller und diskutieren, warum ausgerechnet bessere Prozesse zum Beschleuniger der Wärmewende werden könnten. Höre dir hier die vollständige Podcastfolge mit Jan Ossenbrink an. Sobald die eigene Episodenseite veröffentlicht ist, sollte dieser Verweis durch ihre direkte URL ersetzt werden.
Warum die Wärmewende für Jan Ossenbrink schon entschieden ist
Jan beschäftigt sich seit seiner Schulzeit mit der Energiewende. Ein Bericht über das damalige Desertec-Konzept weckte seine Neugier: Warum sollten Europa und Nordafrika Wind- und Solarenergie nicht über ein leistungsfähiges Stromnetz miteinander verbinden? Aus dieser frühen Frage entwickelte sich ein beruflicher roter Faden. Jan studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt elektrische Energietechnik in Aachen und verband dabei Ingenieurwissenschaften, Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft.
Später promovierte er an der ETH Zürich und untersuchte an den Beispielen Deutschland und Kalifornien, wie neue Energietechnologien in den Markt gelangen und weshalb sich die beste technische Lösung nicht automatisch durchsetzt. Stationen bei der Weltbank, den Vereinten Nationen, McKinsey und im Wagniskapitalgeschäft erweiterten seinen Blick. Dabei ging es nie nur um einzelne Geräte. Ihn interessierte stets das Zusammenspiel von Technologie, wirtschaftlichen Entscheidungen und Politik.
Der russische Angriff auf die Ukraine wurde schließlich zum unternehmerischen Wendepunkt. Deutschland bezog damals einen großen Teil seines Erdgases aus Russland. Für Jan zeigte diese Abhängigkeit in aller Härte, dass die Wärmewende nicht allein eine Klimafrage ist. Sie betrifft ebenso Versorgungssicherheit, Resilienz und wirtschaftliche Souveränität. Gemeinsam mit seinen Mitgründern baute er Vamo auf, um fossile Heizungen im Gebäudebestand durch Wärmepumpen zu ersetzen.
Seine zentrale These ist ebenso klar wie weitreichend: Für Niedertemperaturwärme in Gebäuden wird die Wärmepumpe den Markt künftig dominieren. Ob sie als Luft-Wasser-, Luft-Luft- oder Geothermieanlage arbeitet, ändert nichts am physikalischen Grundprinzip. Die offene Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die Technologie kommt. Entscheidend ist, wie schnell sie sich durchsetzt und wer die dafür nötigen Lösungen entwickelt.
Wärmepumpe zum No-Brainer: Funktioniert sie wirklich im Altbau?
Kaum ein Einwand begegnet Hauseigentümern häufiger als die Behauptung, eine Wärmepumpe funktioniere nur im Neubau oder in einem vollständig sanierten Gebäude. Die Erfahrungen aus den Kundenanfragen bei Vamo zeichnen ein anderes Bild. Jan zufolge können Wärmepumpen bei rund 70 bis 80 Prozent der betrachteten Bestandsgebäude sofort und ohne zusätzliche Sanierungsmaßnahme installiert werden.
Im Interview formuliere ich die Frage, die viele Familien beschäftigt:
„Es gibt doch wahrscheinlich so gut wie keine Häuser, wo ihr sagt, das geht mit der Wärmepumpe nicht, oder?“
Technisch lässt sich nahezu jedes Gebäude mit einer ausreichend dimensionierten Wärmepumpe beheizen. Ob das im konkreten Fall wirtschaftlich sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Genau diese Unterscheidung fehlt in vielen Diskussionen. Ein schlecht gedämmtes Haus mit hohem Wärmebedarf kann warm werden, benötigt dafür aber mehr elektrische Energie und möglicherweise eine größere Anlage. Deshalb braucht es eine ehrliche Berechnung statt eines pauschalen Ja oder Nein.
Eine Fußbodenheizung und eine gute Dämmung verbessern die Effizienz, sind aber keine zwingenden Voraussetzungen. In manchen Gebäuden reichen einzelne größere Heizkörper oder überschaubare Dämmmaßnahmen. Jan beziffert solche vorbereitenden Arbeiten häufig auf etwa 10.000 bis 15.000 Euro – weit entfernt von den sechsstelligen Sanierungssummen, mit denen in politischen Debatten gelegentlich Ängste geschürt werden.
Eine seriöse Planung betrachtet den bisherigen Verbrauch, die Gebäudehülle, die vorhandenen Heizflächen und die benötigte Vorlauftemperatur. Besonders wichtig ist eine raumweise Heizlastberechnung. Sie zeigt, welche Leistung an kalten Tagen tatsächlich benötigt wird. Allerdings bleiben auch normgerechte Berechnungen von Annahmen abhängig und fallen häufig konservativ aus. Gute Beratung verbindet deshalb belastbare Daten mit praktischer Erfahrung und erklärt transparent, an welcher Stelle Unsicherheiten verbleiben.
Wirtschaftlichkeit: Gesamtkosten statt Kaufpreis vergleichen
Wer die Wärmepumpe zum No-Brainer machen möchte, darf nicht nur auf den Anschaffungspreis schauen. Eine Gasheizung ist vergleichsweise einfach und günstig einzubauen. Über ihre Lebensdauer entstehen jedoch Brennstoffkosten, CO₂-Kosten, Wartungsaufwand und das Risiko steigender Preise für fossile Energie. Eine Wärmepumpe verlangt zunächst eine höhere Investition, kann ihre Stärke aber im Betrieb ausspielen.
Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Strom- und Gaspreis. Eine Wärmepumpe erzeugt aus einer Kilowattstunde Strom mehrere Kilowattstunden Wärme. Liegt ihre Jahresarbeitszahl beispielsweise zwischen 3,5 und 4, kann sie gegenüber einer Gasheizung deutliche Effizienzvorteile erreichen. Sind Strompreise dagegen künstlich hoch und Gaspreise vergleichsweise niedrig, wird dieser Vorteil auf der Rechnung des Haushalts teilweise aufgezehrt.
Jan plädiert deshalb für Rahmenbedingungen, die effiziente Elektrifizierung belohnen. Andere europäische Länder zeigen, dass sich Wärmepumpen auch ohne komplizierte Förderkulissen verbreiten, wenn das Energiepreisverhältnis stimmt. Deutschland versucht bislang häufig, ungünstige laufende Kosten durch hohe Zuschüsse bei der Anschaffung auszugleichen. Das hilft kurzfristig, schafft aber wechselnde Anreize und Unsicherheit.
Für Hauseigentümer bedeutet das: Angebote sollten anhand der Gesamtkosten über 15 oder 20 Jahre verglichen werden. Neben Kauf und Installation gehören Energieverbrauch, Wartung, erwartbare Reparaturen, Förderung und mögliche Preisentwicklungen in die Rechnung. Erst dieser Blick macht sichtbar, welche Heizung langfristig wirtschaftlicher ist. Eine niedrigere Anfangsinvestition ist nicht automatisch die günstigere Entscheidung.
Fokus statt Gewerkeloch: Wie Vamo den Heizungstausch organisiert
Vamo konzentriert sich bewusst auf den Austausch von Heizungen in Ein- und Zweifamilienhäusern im Bestand. Installiert werden vor allem Luft-Wasser-Wärmepumpen. Dieser enge Fokus ermöglicht es, Abläufe zu standardisieren und Erfahrungen aus vielen ähnlichen Projekten zu nutzen. Das Unternehmen entwickelt keine eigene Wärmepumpe, sondern versteht seine Leistung als Planung, Koordination, Installation und langfristige Betreuung.
Der Heizungstausch betrifft heute mehrere Gewerke. Neben hydraulischen Arbeiten können Eingriffe am Zählerschrank, Netzmanagement, Fundamente für das Außengerät und Wanddurchführungen erforderlich werden. Fehlt eine zentrale Koordination, entsteht das, was Jan und ich im Gespräch als Gewerkeloch bezeichnen: Jede beteiligte Firma erledigt ihren Teil, doch Termine, Informationen und Verantwortlichkeiten passen nicht sauber zusammen.
Vamo tritt für den Kunden als zentraler Vertragspartner auf und verbindet eigene Teams mit einem Partnernetzwerk aus Handwerksbetrieben. Dabei soll Digitalisierung nicht bedeuten, einem kleinen Betrieb lediglich eine weitere Software aufzubürden. Sinnvoll wird sie erst, wenn sie Aufgaben wirklich abnimmt: Kundenanfragen qualifizieren, Anlagen planen, Material und Termine koordinieren, Förderprozesse begleiten und eine gleichmäßigere Auslastung schaffen.
Diese Perspektive verändert auch die Debatte über fehlende Fachkräfte. 2023 setzte die Heizungsbranche mit weitgehend derselben Belegschaft deutlich mehr Wärmeerzeuger ab als in normalen Jahren. Für Jan ist das ein Hinweis auf große Produktivitätsreserven. Akut mangele es nicht nur an Menschen, sondern an einem klaren Fokus ihrer Fähigkeiten. Noch immer werden viele neue Gasheizungen eingebaut, obwohl jede davon voraussichtlich weitere zwei Jahrzehnte fossile Abhängigkeit festschreibt.
Schnellere Prozesse dürfen dabei nicht in permanente Überlastung münden. Das Ziel muss sein, unnötige Wartezeiten, Mehrfachfahrten und Abstimmungsprobleme zu reduzieren. Wer eine konventionelle Installation über viele Tage beobachtet, erkennt meist rasch, an welchen Stellen Zeit verloren geht. Diese Ineffizienz bezahlt am Ende der Kunde. Eine Wärmepumpe zum No-Brainer braucht deshalb nicht nur bessere Hardware, sondern eine bessere Organisation rund um die Hardware.
Intelligente Steuerung macht die Wärmepumpe zum No-Brainer
Mit der Installation ist die Arbeit nicht beendet. Die Einstellungen bestimmen maßgeblich, wie effizient eine Wärmepumpe läuft, wie oft der Kompressor startet und wie lange die Anlage hält. Häufiges Ein- und Ausschalten ähnelt dem Stop-and-go-Verkehr beim Auto: Es belastet die Technik und kann die Lebensdauer verkürzen. Eine kontinuierliche Überwachung ermöglicht es, ungünstige Betriebszustände früh zu erkennen und Einstellungen aus der Ferne zu optimieren.
Hinzu kommt die zeitliche Flexibilität. Mit Smart Metern und dynamischen Stromtarifen kann Wärme verstärkt dann erzeugt werden, wenn Strom günstig und reichlich verfügbar ist. Das Gebäude und ein vorhandener Warmwasserspeicher dienen dabei in begrenztem Umfang als thermischer Speicher. Für Nutzer darf daraus jedoch kein tägliches Optimierungsrätsel entstehen. Im Gespräch bringe ich den Anspruch deshalb auf einen kurzen Satz:
„Das muss automatisch gehen.“
Genau hier setzt Vamo mit der herstellerübergreifenden Leitwarte Heat Fleet an. Sie soll Anlagen verschiedener Hersteller überwachen und langfristig drei Ziele verbinden: eine hohe Effizienz, niedrige Betriebskosten und eine möglichst lange Lebensdauer. Perspektivisch können viele verbundene Wärmepumpen außerdem wie ein virtuelles Kraftwerk reagieren und ihren Verbrauch innerhalb vertretbarer Grenzen verschieben.
Für das Stromnetz ist diese Koordination besonders an kalten Wintertagen relevant. Dann steigt der Wärmebedarf vieler Häuser gleichzeitig. Bei sehr niedrigen Temperaturen können zusätzlich elektrische Heizstäbe anspringen, die deutlich mehr Leistung benötigen. Werden Millionen Anlagen unkoordiniert betrieben, entstehen Lastspitzen. Werden sie intelligent gesteuert, lässt sich ein Teil des teuren Netzausbaus vermeiden oder zeitlich strecken.
Die Wärmepumpe zum No-Brainer zu entwickeln, bedeutet daher dreierlei: Sie muss für den Haushalt wirtschaftlich sein, für den Installateur gut planbar bleiben und sich für den Netzbetreiber systemdienlich verhalten. Scheitert nur eine dieser drei Perspektiven, wird die Verbreitung gebremst. Gerade Stadtwerke können hier eine wichtige Rolle übernehmen, weil sie Kundennähe, Netzwissen und regionale Umsetzungskompetenz verbinden.
Warum Deutschland ein klares Zielbild für die Wärmewende braucht
Technischer Fortschritt allein garantiert keine erfolgreiche Transformation. Jans wissenschaftlicher und unternehmerischer Weg zeigt, wie stark politische Regeln, Preise und Erwartungen die Verbreitung einer Technologie beeinflussen. Wer alle paar Jahre Förderung, Vorgaben und Zielbilder verändert, erschwert Investitionen für Haushalte, Handwerksbetriebe und Hersteller.
Deutschland diskutiert häufig sehr detailliert über einzelne Instrumente, ohne das gewünschte Energiesystem der Jahre 2040 oder 2050 verständlich zu beschreiben. Jan fordert keine Veränderung mit der Brechstange. Er wünscht sich verlässliche Leitplanken, innerhalb derer Unternehmen Kosten senken und gute Lösungen entwickeln können. Ein solcher Rahmen schafft Wettbewerb, ohne die Richtung offenzulassen.
Im Interview vergleiche ich diese langfristige Orientierung mit dem strategischen Denken Chinas:
„Wahrscheinlich einfach der Ansatz, den China ab und zu macht, da laufen viele Sachen nicht optimal wahrscheinlich, aber dass man mal einen 50-Jahres-Plan hat, das ist bei denen ja normal, dass die so denken.“
China treibt Elektrifizierung, erneuerbare Energien, Batterien und elektrische Endgeräte mit großer Konsequenz voran. Dabei entstehen Anbieter, die nicht mehr nur günstiger produzieren, sondern von Beginn an für internationale Märkte entwickeln. Die deutsche Automobilindustrie erlebt bereits, wie schnell sich technologische Führung verschieben kann. Es wäre riskant anzunehmen, dass europäische Hersteller bei der Heizungstechnik automatisch dauerhaft vorne bleiben.
Für Vamo steht deshalb nicht die Herkunft eines Geräts an erster Stelle, sondern das beste Heizsystem für den Kunden. Gleichzeitig bleibt eine starke europäische Wertschöpfung industriepolitisch wünschenswert. Beides lässt sich nur verbinden, wenn Hersteller und Installationsbetriebe Innovation, Qualität, digitale Services und Kosten konsequent verbessern.
Wer tiefer in die Perspektive des Unternehmens einsteigen möchte, findet auf der offiziellen Vamo-Seite weitere Informationen über Jan Ossenbrink und das Team. Weitere Gespräche über Wärme, Strom, Mobilität und den Wandel in Stadtwerken findest du außerdem in der Übersicht des Podcasts Energie im Wandel.
Fazit: Jetzt entscheidet die Umsetzung
Die Wärmewende wird nicht durch ein einzelnes Gesetz, eine einzelne Förderung oder ein einzelnes Unternehmen gewonnen. Sie entsteht in Millionen konkreter Investitionsentscheidungen. Hauseigentümer brauchen verständliche Beratung und verlässliche Kosten. Das Handwerk benötigt planbare Aufträge und Prozesse, die knappe Fähigkeiten sinnvoll einsetzen. Netzbetreiber brauchen steuerbare Verbraucher und bessere Daten. Die Politik muss eine klare Richtung vorgeben, ohne jede technische Entscheidung selbst treffen zu wollen.
Jan Ossenbrinks Optimismus ist ansteckend, weil er nicht auf Wunschdenken beruht. Wärmepumpen sind ausgereift, in sehr vielen Bestandsgebäuden einsetzbar und mit einem zunehmend erneuerbaren Stromsystem sinnvoll kombinierbar. Die Hürden liegen heute vor allem bei Wirtschaftlichkeit, Koordination, Kommunikation und politischen Rahmenbedingungen. Genau diese Hürden können wir bearbeiten.
Die Wärmepumpe zum No-Brainer zu machen, heißt am Ende, Komplexität aus der Entscheidung zu nehmen. Der Kunde muss keine drei Gewerke koordinieren, stündlich Strompreise prüfen oder widersprüchliche Aussagen selbst bewerten. Er braucht ein System, das zuverlässig Wärme liefert, transparent arbeitet und über viele Jahre bezahlbar bleibt.
Denn jede gut geplante Anlage senkt nicht nur Emissionen, sondern schafft Vertrauen in eine Energiewende, die im Alltag sichtbar und spürbar funktioniert.
Möchtest du Jans vollständige Argumentation hören und erfahren, warum er die Wärmewende technologisch bereits für entschieden hält? Dann hör dir jetzt die Podcastfolge von „Energie im Wandel“ an und abonniere den Podcast in deinem bevorzugten Player. Die Zukunft der Wärme beginnt nicht in einer abstrakten Studie. Sie beginnt bei der nächsten Entscheidung im Heizungskeller.