Jochen Schwill: „Dein Heimspeicher wird Teil des Strommarkts“

Viele Menschen denken bei einer PV-Anlage noch immer vor allem an Eigenverbrauch. Tagsüber Strom vom Dach produzieren. Abends den Speicher nutzen. Möglichst wenig Strom aus dem Netz beziehen. Möglichst viel Autarkie erreichen. Dieses Bild war lange richtig. Aber es ist nicht mehr vollständig.

Denn die nächste Phase der Energiewende beginnt nicht nur in Offshore-Windparks, großen Batteriespeichern oder neuen Stromtrassen. Sie beginnt auch in Einfamilienhäusern, Kellern, Garagen und Technikräumen. Dort stehen heute bereits Millionen kleiner Anlagen, die für das Energiesystem der Zukunft entscheidend werden können: Heimspeicher, Wärmepumpen, Wallboxen und Elektroautos.

Genau darüber spreche ich in dieser Folge von „Energie im Wandel“ mit Jochen Schwill, Gründer und Geschäftsführer von SpotMyEnergy. Jochen kennt die Welt der Flexibilitätsmärkte seit vielen Jahren. Vor SpotMyEnergy war er Mitgründer und CEO von Next Kraftwerke. Dort ging es vor allem darum, größere dezentrale Anlagen in virtuelle Kraftwerke zu integrieren. Mit SpotMyEnergy verschiebt sich der Fokus nun auf kleinere Anlagen im privaten und gewerblichen Bereich.

Die zentrale Frage dieser Folge lautet: Wie wird der Heimspeicher Strommarkt Realität – und was braucht es, damit private Flexibilität nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich attraktiv und alltagstauglich wird?

Vom Eigenverbrauch zur Systemdienlichkeit

Der klassische Heimspeicher wurde lange aus einer sehr einfachen Logik heraus gedacht: Tagsüber wird Solarstrom eingespeichert, abends wird er im Haushalt verbraucht. Das reduziert den Strombezug aus dem Netz und erhöht den Eigenverbrauch. Für viele Haushalte war und ist das ein nachvollziehbares Modell.

Doch Jochen Schwill macht im Gespräch deutlich: Ein Speicher kann mehr.

Gerade im Winter ist ein Heimspeicher häufig kaum ausgelastet. Die PV-Anlage produziert weniger Strom, der wenige Solarstrom wird oft direkt im Haushalt verbraucht und der Speicher steht über weite Teile der Zeit ungenutzt zur Verfügung. Gleichzeitig gibt es am Strommarkt immer stärkere Preisschwankungen. In manchen Stunden ist Strom sehr teuer. In anderen Stunden ist er sehr günstig oder sogar negativ.

Warum sollte ein Speicher dann nicht gezielt zu günstigen Zeiten aus dem Netz geladen werden? Warum sollte er nicht perspektivisch auch helfen, Lastspitzen zu reduzieren, Strompreissignale zu nutzen und das Energiesystem flexibler zu machen?

Genau hier beginnt die neue Logik. Der Heimspeicher ist nicht mehr nur ein Werkzeug zur Eigenverbrauchsoptimierung. Er wird zu einem aktiven Baustein im Strommarkt.

Der Heimspeicher Strommarkt beschreibt damit eine Entwicklung, bei der private Speicher, PV-Anlagen, Wärmepumpen und Elektroautos intelligent gesteuert werden. Nicht manuell, nicht kompliziert und nicht mit ständigem Blick auf die Strombörse, sondern automatisiert über Smart Meter, dynamische Stromtarife und Home-Energy-Management-Systeme.

Smart Meter als Schlüssel zur neuen Energiewelt

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Smart Meter. Ohne intelligente Messsysteme bleibt die Flexibilität vieler kleiner Anlagen energiewirtschaftlich unsichtbar. Erst wenn viertelstündlich gemessen, bilanziert und abgerechnet werden kann, wird echte Marktintegration möglich.

SpotMyEnergy setzt genau an dieser Stelle an. Das Unternehmen versteht sich nicht nur als Anbieter eines dynamischen Stromtarifs, sondern denkt Messstellenbetrieb, Stromlieferung und Energiemanagement zusammen. Das ist wichtig, weil die Energiewende im Haushalt nur dann skalieren kann, wenn sie nicht zu kompliziert wird.

Viele Haushalte wollen nicht im Detail unterscheiden müssen zwischen Messstellenbetreiber, Stromlieferant, Direktvermarkter, Home-Energy-Management-System und Marktkommunikation. Sie wollen, dass ihre Anlage funktioniert. Sie wollen, dass ihr Speicher sinnvoll genutzt wird. Und sie wollen verstehen, welchen wirtschaftlichen Vorteil sie davon haben.

Im Gespräch wurde deutlich, wie groß der praktische Nutzen eines solchen Ansatzes sein kann. Gerade beim Smart-Meter-Rollout gibt es in Deutschland noch immer viele Friktionen. Wenn der Zähler nicht eingebaut wird, kann eine neue PV-Anlage im Zweifel nicht vollständig in Betrieb gehen. Wenn kein Mobilfunkempfang im Keller vorhanden ist, scheitert der Einbau manchmal an sehr einfachen technischen Hürden.

An dieser Stelle sagte ich im Gespräch: „Alleine das finde ich schon ein mega Argument und da sprechen wir gleich nochmal drüber“

Gemeint war die Möglichkeit, Smart Meter nicht zwingend über Mobilfunk, sondern auch über den vorhandenen Internetanschluss anzubinden. Für viele Haushalte klingt das nach einem technischen Detail. In der Praxis kann genau dieses Detail darüber entscheiden, ob ein intelligentes Messsystem schnell und zuverlässig funktioniert.

Warum dynamische Stromtarife erst der Anfang sind

Dynamische Stromtarife sind in der öffentlichen Debatte inzwischen deutlich sichtbarer geworden. Viele Menschen verstehen zunehmend, dass Strom nicht zu jeder Zeit gleich viel wert ist. Wenn viel Wind weht und viel Sonne scheint, sinken die Preise. Wenn wenig erneuerbare Erzeugung verfügbar ist und die Nachfrage hoch ist, steigen sie.

Für Haushalte mit flexiblen Verbrauchern ist das eine große Chance. Elektroautos können dann geladen werden, wenn Strom günstig ist. Wärmepumpen können innerhalb bestimmter Komfortgrenzen optimiert werden. Heimspeicher können zu günstigen Zeiten laden und den Haushalt später versorgen.

Doch Jochen Schwill macht klar: Der dynamische Tarif allein reicht nicht. Entscheidend ist der Dreiklang aus Smart Meter, dynamischem Stromtarif und Steuerung. Erst wenn diese drei Elemente zusammenkommen, wird Flexibilität wirklich nutzbar.

Der Heimspeicher Strommarkt entsteht also nicht dadurch, dass Menschen jede Stunde auf eine App schauen und manuell entscheiden, wann sie ihr Auto laden. Er entsteht durch Automatisierung. Die Technik muss im Hintergrund arbeiten. Der Nutzer muss Komfort, Transparenz und wirtschaftlichen Nutzen bekommen, ohne selbst zum Stromhändler werden zu müssen.

Das ist ein entscheidender Punkt. Denn die Energiewende darf im Alltag nicht nur etwas für technikaffine Early Adopter sein. Sie muss für breite Kundengruppen funktionieren.

Direktvermarktung für PV-Kleinanlagen: Risiko oder Chance?

Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um die geplante Reform der Einspeisevergütung und die mögliche Direktvermarktungspflicht für kleinere PV-Anlagen. Dieses Thema ist politisch, wirtschaftlich und emotional aufgeladen.

Auf der einen Seite hat die feste Einspeisevergütung den PV-Ausbau in Deutschland überhaupt erst möglich gemacht. Sie hat Planungssicherheit geschaffen, Investitionen ausgelöst und den Markt aufgebaut. Auf der anderen Seite erzeugt sie heute Fehlanreize. Wenn Anlagen unabhängig vom Marktpreis einspeisen, dann reagieren sie nicht auf Situationen, in denen das System gerade keinen zusätzlichen Strom benötigt.

Besonders sichtbar wird das an Tagen mit hoher PV-Erzeugung und geringer Nachfrage. Dann entstehen negative Strompreise. Das ist kein Zeichen dafür, dass erneuerbare Energien falsch sind. Es ist ein Zeichen dafür, dass Erzeugung, Verbrauch und Flexibilität besser aufeinander abgestimmt werden müssen.

Jochen Schwill argumentiert deshalb nicht gegen Förderung, sondern gegen falsche Anreize. Sein Punkt ist: Förderung kann weiterhin sinnvoll sein, aber sie sollte marktkompatibler gestaltet werden. Das Marktprämienmodell könnte auch für kleinere Anlagen eine Brücke sein, wenn es einfach genug umgesetzt wird.

Wichtig ist dabei der Übergang. Ein abrupter Wegfall der Förderung könnte Vorzieheffekte auslösen. Viele Menschen würden noch schnell vor dem Stichtag investieren, während der Markt danach einbricht. Für Installateure wäre das problematisch, weil sie auf relativ stabile Nachfrage angewiesen sind.

Der Heimspeicher Strommarkt braucht deshalb nicht nur Technik, sondern auch kluge Regulierung. Es geht nicht darum, Haushalte mit Komplexität zu überfordern. Es geht darum, Marktanreize so zu setzen, dass private Anlagen systemdienlicher betrieben werden können.

Warum Flexibilität wertvoller wird

Je mehr Wind- und Solarenergie in das System kommen, desto wichtiger wird Flexibilität. Diese Aussage klingt inzwischen fast selbstverständlich. Aber sie ist zentral für das Verständnis der kommenden Jahre.

Flexibilität bedeutet: Stromverbrauch und Stromerzeugung können zeitlich verschoben oder angepasst werden. Ein Batteriespeicher kann laden oder entladen. Ein Elektroauto kann später oder früher geladen werden. Eine Wärmepumpe kann innerhalb bestimmter Grenzen Wärme erzeugen, wenn Strom günstig ist. Viele einzelne Anlagen können gemeinsam wie ein virtuelles Kraftwerk wirken.

Jochen Schwill beschreibt diesen Weg sehr anschaulich. Bei Next Kraftwerke wurden zunächst die größeren und einfacher zugänglichen Flexibilitäten erschlossen. Bei SpotMyEnergy geht es nun um die kleinteiligere, aber massenhaft verfügbare Flexibilität in Haushalten.

Das ist anspruchsvoller. Denn ein Haushalt ist kein Industriebetrieb. Menschen haben Routinen, Gewohnheiten und Komfortansprüche. Ein Elektroauto muss verfügbar sein, wenn es gebraucht wird. Eine Wärmepumpe darf nicht einfach beliebig abgeschaltet werden. Und ein Speicher soll nicht nur dem Markt dienen, sondern auch den Interessen des Haushalts.

Genau deshalb wird die intelligente Steuerung so wichtig. Sie muss die Bedürfnisse des Kunden verstehen und gleichzeitig die Signale des Strommarkts berücksichtigen.

Im Gespräch brachte ich einen Gedanken ein, der diese Herausforderung gut beschreibt: „Eigentlich müsstet ihr und ich weiß nicht, ob das datenschutztechnisch gut ist oder wie auch immer, aber rein optimierungstechnisch müsstet ihr den Kalender integrieren.“

Der Punkt dahinter: Wer weiß, wann ein E-Auto gebraucht wird, kann es besser laden. Wer weiß, wann ein Haushalt typischerweise viel Strom verbraucht, kann Speicher und flexible Verbraucher besser optimieren. Die Zukunft des Energiemanagements wird also nicht nur technisch, sondern auch verhaltensbezogen.

Der Mensch bleibt der entscheidende Faktor

Bei aller Technik zeigt diese Folge auch: Die Energiewende bleibt eine Menschenwende.

Es reicht nicht, Geräte zu vernetzen. Menschen müssen Vertrauen in die Systeme entwickeln. Sie müssen verstehen, warum ihr Speicher anders betrieben wird als früher. Sie müssen erleben, dass Komfort nicht verloren geht. Und sie müssen nachvollziehen können, dass ein intelligenter Betrieb wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist.

Besonders spannend ist dabei die Rolle der frühen Nutzerinnen und Nutzer. Viele heutige Kundinnen und Kunden von Lösungen wie SpotMyEnergy sind noch Early Adopter. Sie interessieren sich für Strompreise, Speicherstrategien und App-Auswertungen. Sie sprechen über ihre Erfahrungen und werden damit zu Multiplikatoren.

Aber der Massenmarkt funktioniert anders. Dort muss die Lösung einfacher werden. Niemand möchte jeden Tag mehrere Strompreiskurven analysieren. Niemand möchte im Familienalltag ständig diskutieren, ob das Auto jetzt geladen werden darf oder lieber erst morgen. Die Technik muss helfen, nicht nerven.

Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob der Heimspeicher Strommarkt wirklich massentauglich wird.

Ich habe im Gespräch auch die Frage gestellt, ob sinkende Kosten für Regelenergie und mehr Batteriespeicher die Ausgleichsenergiekosten künftig reduzieren könnten. Dabei sagte ich: „Das ist ein total spannender Punkt. Rückfrage, Jochen.“

Die Antwort zeigt: Ganz so einfach ist es nicht. Zwar entstehen neue Flexibilitätsangebote, aber gleichzeitig wächst auch der Bedarf an Flexibilität durch mehr PV- und Windleistung. Ob Flexibilität günstiger oder teurer wird, hängt am Ende vom Verhältnis aus Angebot und Nachfrage ab.

Was diese Folge für Stadtwerke und Energieunternehmen bedeutet

Auch für Stadtwerke ist diese Entwicklung hochrelevant. Denn wenn private Haushalte mit PV, Speicher, Wärmepumpe und E-Auto stärker in den Markt integriert werden, verändert sich die Rolle klassischer Energieversorger.

Die Kundenschnittstelle wird wichtiger. Wer den Zugang zum Kunden, zu den Daten und zur Steuerung hat, kann neue Geschäftsmodelle entwickeln. Wer nur Energie liefert, läuft Gefahr, austauschbar zu werden.

Der Heimspeicher Strommarkt ist deshalb nicht nur ein Thema für technikaffine Eigenheimbesitzer. Er ist ein strategisches Thema für Stadtwerke, Messstellenbetreiber, Direktvermarkter, Installateure und Plattformanbieter.

Installateure spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Sie sind oft der erste Ansprechpartner für Kunden, wenn eine PV-Anlage, ein Speicher oder eine Wallbox installiert wird. Wenn sie direkt eine funktionierende Komplettlösung mitbringen können, sinkt die Komplexität für den Endkunden erheblich.

Für Stadtwerke stellt sich die Frage, ob sie diese Rolle selbst aktiv gestalten oder ob andere Anbieter die Kundenschnittstelle übernehmen. Gerade im Zusammenspiel aus Smart Meter, dynamischem Tarif, Direktvermarktung und Energiemanagement entstehen neue Wertschöpfungsfelder.

Fazit: Die Energiewende wird kleinteiliger, digitaler und flexibler

Diese Folge mit Jochen Schwill zeigt sehr deutlich: Die nächste Phase der Energiewende wird nicht nur durch mehr Erzeugungsanlagen geprägt. Sie wird durch bessere Steuerung geprägt.

PV-Anlagen müssen stärker auf Preissignale reagieren. Heimspeicher müssen intelligenter genutzt werden. Elektroautos und Wärmepumpen müssen in Flexibilitätskonzepte eingebunden werden. Smart Meter müssen schneller ausgerollt werden. Und Kunden brauchen einfache Lösungen, die im Alltag funktionieren.

Der Heimspeicher Strommarkt ist dafür ein starkes Bild. Er zeigt, dass die Grenze zwischen privatem Haushalt und Energiesystem durchlässiger wird. Was früher reine Eigenverbrauchsoptimierung war, kann künftig Teil eines größeren, flexibleren und effizienteren Stromsystems werden.

Das bedeutet nicht, dass jeder Haushalt zum Energiehändler werden muss. Im Gegenteil. Die große Aufgabe besteht darin, Komplexität aus dem Alltag der Menschen herauszunehmen und im Hintergrund intelligent zu lösen.

Genau deshalb ist das Gespräch mit Jochen Schwill so relevant. Es verbindet Marktlogik, Regulierung, Technologie und Kundennutzen. Und es zeigt: Die Energiewende braucht nicht nur mehr Anlagen. Sie braucht mehr intelligente Flexibilität.

Wenn du verstehen möchtest, warum dein Heimspeicher künftig mehr kann als nur Solarstrom puffern, dann hör dir diese Folge von „Energie im Wandel“ an.

Hier geht es zur Podcastfolge: Jochen Schwill: „Dein Heimspeicher wird Teil des Strommarkts“