Die Energiewende hat die Stromerzeugung grundlegend verändert. Windenergie und Photovoltaik liefern immer größere Mengen klimafreundlichen Stroms, aber nicht zu jeder Stunde gleich viel. Für Unternehmen entsteht damit eine neue Aufgabe: Sie müssen nicht nur fragen, wie viel Energie sie verbrauchen, sondern auch wann. Genau hier setzt industrielle Energieflexibilität an. Sie verbindet erneuerbare Erzeugung, schwankende Marktpreise und reale Produktionsprozesse zu einem intelligenten Gesamtsystem.
In dieser Folge von Energie im Wandel spricht Claus Hartmann mit Nicolàs Juhl, CEO von encentive. Sein Unternehmen bringt künstliche Intelligenz bis in den Maschinenraum und steuert industrielle Verbraucher automatisch. Kühlanlagen, Brauereien, Blockheizkraftwerke, Batteriespeicher, Ladepunkte oder Lüfter reagieren dadurch auf Preise, Lastspitzen, Photovoltaiküberschüsse und Netzsignale. Das Ziel ist keine theoretische Optimierung auf dem Bildschirm, sondern eine messbare Entlastung bei Energiekosten und CO₂-Emissionen.
Das Gespräch zeigt, warum Flexibilität zum strategischen Faktor für die europäische Industrie wird. Es geht um wirtschaftliche Effizienz, digitale Zwillinge, neue Rollen für Stadtwerke und die Frage, weshalb vorhandene Anlagen oft mehr Spielraum besitzen, als ihre Betreiber vermuten. Die vollständige Podcastfolge Energie im Wandel kannst du hier anhören.
Industrielle Energieflexibilität verändert die Logik des Stromverbrauchs
Über Jahrzehnte war die Grundidee industrieller Energieoptimierung vergleichsweise einfach: Prozesse sollten möglichst konstant laufen und jede Kilowattstunde sollte so effizient wie möglich eingesetzt werden. Dieses Denken bleibt wichtig, reicht in einem erneuerbaren Stromsystem jedoch nicht mehr aus. Wenn sehr viel Solar- oder Windstrom verfügbar ist, kann eine zusätzliche Kilowattstunde ökologisch und wirtschaftlich sinnvoller sein als ein besonders sparsamer Verbrauch in einer angespannten Stunde.
Claus Hartmann bringt diesen Perspektivwechsel im Gespräch prägnant auf den Punkt:
„Es geht nicht mehr um Effizienz. Es geht darum, also um technische Effizienz. Es geht eher darum, dass wir wirtschaftlich effizient unterwegs sind.“
Industrielle Energieflexibilität verschiebt Energieverbrauch deshalb in Zeiträume, in denen Strom günstig, erneuerbar und netzseitig gut verfügbar ist. Die Produktion selbst darf darunter selbstverständlich nicht leiden. Entscheidend ist, innerhalb technischer Grenzen jene Zeitfenster zu nutzen, die ein Prozess ohnehin bietet. Das kann bedeuten, früher zu kühlen, später zu laden oder ein Blockheizkraftwerk anders zu fahren.
Damit verändert sich die Bewertungslogik. Eine Maßnahme kann technisch betrachtet sogar etwas mehr Strom benötigen und trotzdem für das Gesamtsystem sinnvoll sein, wenn sie Abregelung vermeidet, Preisspitzen umgeht oder Netze entlastet. Effizienz und Flexibilität sind deshalb keine Gegner. Sie betrachten lediglich unterschiedliche Ebenen: den einzelnen Prozess einerseits und das Energiesystem andererseits.
Kälteanlagen zeigen, wie verborgene Flexibilität nutzbar wird
Besonders anschaulich wird das Prinzip bei industrieller Kälte. Ein Tiefkühllager muss seine Produkte zuverlässig innerhalb enger Temperaturgrenzen halten. Trotzdem muss der Kompressor nicht in jeder Viertelstunde dieselbe Leistung aufnehmen. Ist Strom günstig, kann die Anlage stärker vorkühlen. Steigt der Preis später, lässt sich die Leistung reduzieren, ohne Qualität oder Sicherheit zu gefährden. Nicht die Luft allein, sondern die thermische Trägheit der gelagerten Ware wird zum Speicher.
Ähnliche Spielräume gibt es in Brauereien. Große Tanks und Gärprozesse erlauben innerhalb definierter Temperaturbänder zeitliche Verschiebungen. Auch Lüftung, Druckluft, Wärme, Pumpen, Ladeinfrastruktur und Eigenerzeugung können Flexibilität beitragen. Erst die Kombination vieler kleiner und großer Verbraucher ergibt ein Portfolio, das wirtschaftlich relevant wird.
Claus beschreibt eine Erfahrung, die viele Energiemanager machen, sobald sie beginnen, Prozesse systematisch zu untersuchen:
„Und diese Idee, dass man glaubt, man hat gar keine Flexibilität, die wird ja so schnell entkräftet, wenn man da so irgendwie ein, zwei Sachen macht.“
Der Satz trifft einen entscheidenden Punkt. Industrielle Energieflexibilität beginnt nicht bei einer neuen Großinvestition, sondern bei Transparenz. Wer Lastgänge, Maschinenzustände, Temperaturgrenzen, Produktionspläne und Energiepreise zusammenführt, erkennt oft nutzbare Reserven in bereits vorhandener Technik. So entstehen neue Einsparideen direkt aus dem Betrieb.
Warum künstliche Intelligenz einen digitalen Zwilling braucht
Eine Chatoberfläche allein kann keine Industrieanlage sicher steuern. Dafür braucht es Messdaten, technische Schnittstellen und ein belastbares Modell des physischen Prozesses. encentive verbindet diese Ebenen in seiner Plattform flexOn. Historische Daten helfen dabei, das Verhalten einer Anlage vorherzusagen. Ein digitaler Zwilling bildet zugleich ab, welche Temperaturen, Laufzeiten, Leistungen und Produktionsanforderungen zulässig sind.
Diese Verbindung ist zentral. Ein Algorithmus kann nur dann sinnvoll optimieren, wenn er die Grenzen der Realität kennt. Bei einer Kälteanlage sind das etwa Produkttemperatur, Lufttemperatur, Außentemperatur, Öffnungszeiten von Toren oder geplante Warenbewegungen. Bei einem Ladepark zählen Abfahrtszeit, Ladezustand, verfügbare Anschlussleistung und die Priorität einzelner Fahrzeuge. Aus diesen Informationen entsteht ein Fahrplan, den die Steuerung automatisch anpasst.
Machine Learning verbessert vor allem Prognosen. Es erkennt Muster in historischen Verbrauchs-, Wetter- und Produktionsdaten und schätzt, wie sich eine Anlage in den kommenden Stunden verhalten wird. Danach entscheidet die Optimierung, welcher Verbraucher wann reagieren soll. Gute Vorhersagen sind wertvoll, weil bereits eine einzige teure Viertelstunde die Leistungskosten eines Standorts spürbar beeinflussen kann.
Die eigentliche Stärke liegt daher nicht in einem modischen KI-Etikett. Sie entsteht aus Software, Hardwareverständnis und Prozesswissen. Erst wenn Datenwissenschaftler, Automatisierungsexperten und Beschäftigte im Werk dieselbe Anlage verstehen, wird aus digitaler Intelligenz ein sicherer Eingriff in den Maschinenraum.
Industrielle Energieflexibilität folgt einer klaren Hierarchie
In einem Werk wirken mehrere wirtschaftliche Signale gleichzeitig. Ein niedriger Börsenstrompreis kann zum Verbrauch einladen, während eine drohende Lastspitze dagegen spricht. Zugleich soll eigener Solarstrom genutzt, ein Hochlastzeitfenster eingehalten und vielleicht Flexibilität am Intraday-Markt angeboten werden. Wer nur einen Hebel isoliert optimiert, kann an anderer Stelle neue Kosten verursachen.
Deshalb benötigt industrielle Energieflexibilität eine klare Hierarchie. Zuerst schützt die Steuerung harte technische Grenzen und die Versorgung der Produktion. Danach berücksichtigt sie Leistungsspitzen und Netzentgelte. Anschließend kann sie Spotmarktpreise, kurzfristigen Handel, Eigenerzeugung und Speicher einbeziehen. Diese Prioritäten werden kontinuierlich neu bewertet, weil Preise, Wetter und Anlagenzustände nicht stillstehen.
Menschen könnten solche Entscheidungen punktuell treffen, aber nicht zuverlässig rund um die Uhr und über Dutzende Verbraucher hinweg. Automatisierung übersetzt den Plan deshalb bis in die Maschinensteuerung. encentive beschreibt diese Verbindung als Weg vom Markt zur Maschine und zurück. Die Anlage wird nicht nur beobachtet. Sie reagiert im Rahmen klarer Sicherheitsgrenzen auf das Energiesystem.
Das Ergebnis ist operative Geschwindigkeit. Laut Juhl kann die technische Umsetzung in geeigneten Projekten innerhalb weniger Wochen gelingen. Entscheidend ist eine standardisierte Verbindung zur Anlage, kombiniert mit genug Zeit für das Verständnis des jeweiligen Prozesses. Der Business Case muss anschließend in Euro sichtbar werden, damit aus einem Pilotprojekt ein Rollout über weitere Standorte entsteht.
Netzentgelte müssen Flexibilität belohnen statt Dauerlast
Regulierung prägt den Business Case erheblich. Bisherige Sondernetzentgelte belohnen teilweise einen sehr gleichmäßigen, hohen Strombezug oder eine Entnahme außerhalb festgelegter Hochlastzeitfenster. Solche Regeln stammen aus einem Energiesystem, in dem konstante Last planbar und erwünscht war. In einem System mit stark schwankender erneuerbarer Erzeugung können sie jedoch genau jene Reaktion bremsen, die heute gebraucht wird.
Die Bundesnetzagentur arbeitet deshalb an der Reform der allgemeinen Netzentgeltsystematik, kurz AgNes. Der im August 2026 veröffentlichte Festlegungsentwurf zu AgNes soll die bisherigen Vorgaben ab 2029 ersetzen. Er verfolgt unter anderem das Ziel, Flexibilität zu unterstützen, knappe Kapazitäten zu bepreisen und Netzkosten verursachungsgerechter zuzuordnen. Einzelheiten für industrielle Sondernetzentgelte sollen in Folgefestlegungen konkretisiert werden.
Für Unternehmen bedeutet das: Abwarten ist keine Strategie. Anlagen, Messkonzepte und Datenstrukturen sollten heute so vorbereitet werden, dass sie auf neue Preissignale reagieren können. Wer technische Flexibilität erst nach einer regulatorischen Änderung sucht, verliert Zeit. Wer sie bereits kennt, kann neue Regeln schneller in einen wirtschaftlichen Vorteil übersetzen.
Zugleich braucht die Reform Verlässlichkeit. Industrieunternehmen investieren langfristig und müssen Übergänge kalkulieren können. Ein gutes Netzentgeltsystem verbindet daher Flexibilitätsanreize mit Planungssicherheit. Es belohnt Verhalten, das tatsächlich Netzkosten senkt, statt nur ein historisches Verbrauchsmuster fortzuschreiben.
Was Stadtwerke und Energieversorger gewinnen können
Hinter dem Netzanschlusspunkt bleibt ein Industriekunde für seinen Versorger häufig eine Blackbox. Der Lieferant sieht den gemessenen Verbrauch, kennt aber nicht automatisch den Prozess dahinter. Er weiß nicht, ob eine Last zwingend sofort laufen muss, ob ein Tank thermischen Spielraum bietet oder ob ein Fahrzeug erst Stunden später abfahren wird. Genau dieses fehlende Wissen erschwert präzise Prognosen und passende Produkte.
Industrielle Energieflexibilität eröffnet Stadtwerken deshalb eine neue Rolle. Statt ausschließlich Kilowattstunden zu verkaufen, können sie gemeinsam mit Technologiepartnern ganzheitliche Energielösungen anbieten. Dazu gehören Beschaffung, Visualisierung, Steuerung, Photovoltaik, Speicher und flexible Tarife. Wenn Verbrauch und Einkauf enger aufeinander abgestimmt werden, sinken Prognoserisiken und Kunden erhalten einen konkreten Mehrwert.
Juhl sieht encentive dabei nicht als Stromhändler. Die Plattform macht technische Flexibilität verfügbar; Handelspartner oder Versorger können sie anschließend in Beschaffung und Märkte integrieren. Dieses Zusammenspiel ist für Stadtwerke interessant, weil sie die Kundenbeziehung, energiewirtschaftliche Erfahrung und Marktanbindung mitbringen. Technologieunternehmen ergänzen den tiefen Blick in Anlagen und Prozesse.
Wer als Versorger früh handelt, kann sich vom austauschbaren Lieferanten zum Lösungspartner entwickeln. Gerade für kommunale Unternehmen liegt darin eine Chance: Sie kennen regionale Betriebe, Netzsituationen und Investitionszyklen. Aus Nähe wird jedoch erst dann ein Wettbewerbsvorteil, wenn sie mit digitalen Angeboten und messbaren Ergebnissen verbunden wird.
E-Lkw und begrenzte Netzanschlüsse machen Steuerung unverzichtbar
Die Elektrifizierung erhöht den Handlungsdruck. Wenn mehrere E-Lkw, Gabelstapler und Produktionsanlagen gleichzeitig Strom benötigen, stößt ein bestehender Netzanschluss schnell an seine Grenze. Ein Ausbau kann teuer sein und lange dauern. Intelligentes Lastmanagement verteilt Ladevorgänge stattdessen so, dass Fahrzeuge rechtzeitig einsatzbereit sind, ohne die maximale Anschlussleistung unnötig zu überschreiten.
Dafür muss das System vorausdenken. Es braucht Informationen darüber, wann ein Lkw ankommt, wie voll seine Batterie ist, wann er wieder abfahren soll und welche anderen Verbraucher verschiebbar sind. Lädt gerade ein priorisiertes Fahrzeug, können weniger dringende Gabelstapler warten. Sinkt die Produktionslast oder steigt die eigene Solarerzeugung, wird zusätzlicher Spielraum genutzt.
Dieser Anwendungsfall zeigt, dass industrielle Energieflexibilität weit über günstige Strompreise hinausgeht. Sie kann Investitionen in Netzanschlüsse vermeiden oder verschieben, Elektrifizierung beschleunigen und betriebliche Grenzen intelligent verwalten. Damit wird Software zu einem Teil der Infrastrukturplanung.
Claus Hartmann fasst seine Begeisterung für dieses Feld denkbar direkt zusammen:
„Ich finde dieses Thema ja unfassbar spannend.“
Das ist nachvollziehbar, denn hinter abstrakten Lastkurven stehen sehr konkrete Entscheidungen. Jede Viertelstunde kann beeinflussen, ob ein Standort Kosten spart, erneuerbaren Strom nutzt oder eine neue Lastspitze setzt. Genau deshalb muss die Lösung zuverlässig, nachvollziehbar und eng mit den Menschen vor Ort entwickelt werden.
Daten von heute werden zum Wettbewerbsvorteil von morgen
Viele Produktionsanlagen stammen aus den 1990er- oder 2000er-Jahren. Das macht sie nicht automatisch ungeeignet für moderne Steuerung. Häufig lassen sich Sensorik, Gateways und Software nachrüsten. Der erste Schritt besteht darin, Daten strukturiert zu erfassen und ihre Bedeutung im Prozess zu verstehen. Ohne diese Grundlage bleibt künstliche Intelligenz ein Versprechen ohne Verbindung zur Werkhalle.
Mit wachsender Datenbasis werden Prognosen besser. Das System erkennt, wie Wetter, Produktionsmengen, Schichten oder Wartungen den Energiebedarf verändern. Unternehmen lernen zugleich, welche Flexibilität zuverlässig verfügbar ist und welchen finanziellen Wert sie besitzt. So entsteht eine Lernkurve, die Wettbewerber nicht über Nacht kopieren können.
Für Nicolàs Juhl ist das eine europäische Zukunftsfrage. Hohe Energiepreise belasten die Industrie, während erneuerbare Erzeugung neue Chancen eröffnet. Wer beides intelligent verbindet, stärkt Kostenposition, Resilienz und Klimaschutz gleichzeitig. Die Energiewende endet damit nicht am Windpark oder auf dem Solardach. Sie wird erst vollständig, wenn reale Verbraucher ihr Verhalten mit dem Angebot synchronisieren.
Industrielle Energieflexibilität wird zur gemeinsamen Aufgabe
Das Gespräch mit Nicolàs Juhl macht Mut, weil die Lösung nicht allein von neuen Kraftwerken, großen Speichern oder jahrelangen Netzprojekten abhängt. Ein Teil der benötigten Beweglichkeit steckt bereits in Kühlhäusern, Brauereien, Fabriken, Ladeparks und dezentralen Erzeugern. Diese Anlagen müssen sichtbar, bewertbar und steuerbar werden.
Dafür braucht es drei Dinge. Erstens müssen Unternehmen technische Spielräume ohne Vorurteile untersuchen. Zweitens müssen Plattformen Markt-, Wetter- und Prozessdaten sicher in konkrete Fahrpläne übersetzen. Drittens müssen Regulierung, Versorger und Netze flexibles Verhalten wirtschaftlich sinnvoll aufnehmen. Kein Akteur kann diese Übersetzung allein leisten.
Auch kleine Schritte zählen: ein transparenter Lastgang, ein sauber dokumentiertes Temperaturband oder ein abgestimmter Ladeplan. Aus solchen Grundlagen entstehen belastbare Pilotprojekte. Werden ihre Ergebnisse verständlich in Euro, Emissionen und vermiedene Spitzen übersetzt, wächst im Unternehmen die Bereitschaft, Flexibilität konsequent über Standorte hinweg zu skalieren und automatisieren.
Industrielle Energieflexibilität ist deshalb mehr als ein weiteres Digitalprojekt. Sie ist die operative Brücke zwischen erneuerbarer Stromerzeugung und wettbewerbsfähiger Produktion. Wer Strom dann nutzt, wenn er reichlich vorhanden ist, senkt nicht automatisch jede Kilowattstunde, aber er kann Kosten, Emissionen und Systembelastung zugleich reduzieren.
Die zentrale Botschaft der Episode lautet: Auf der Erzeugungsseite ist die Transformation weit fortgeschritten. Jetzt muss sie im Verbrauch ankommen. Für Industrieunternehmen beginnt dieser Weg mit einer ehrlichen Frage: Welche Maschine, welcher Speicher oder welcher Prozess könnte heute schon flexibler reagieren? Die Antwort liegt wahrscheinlich näher, als viele vermuten.