Die digitale Energiewende entscheidet sich nicht allein an der Frage, wie viele Windräder, Photovoltaikanlagen oder Batteriespeicher wir bauen. Sie entscheidet sich zunehmend daran, ob wir ein immer komplexeres Energiesystem intelligent, sicher und einfach steuerbar machen.
Genau darüber spreche ich in dieser Folge von „Energie im Wandel“ mit Jens Zerbst, Group CIO von Vattenfall. Jens Zerbst ist seit rund 30 Jahren in der IT unterwegs, davon etwa 25 Jahre in der Energiewirtschaft. Seine Perspektive ist deshalb besonders spannend: Er schaut nicht nur auf Server, Software und Schnittstellen, sondern auf die Frage, wie Digitalisierung echten Business Value für die Energiewende schaffen kann.
Denn eines wird im Gespräch sehr deutlich: Die Energiewende ist längst kein reines Erzeugungsthema mehr. Es reicht nicht, immer mehr erneuerbare Energie ins System zu bringen. Entscheidend ist, wie diese Energie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und mit möglichst hoher Versorgungssicherheit genutzt werden kann.
Oder wie ich im Gespräch sage: „es muss einfach sein.“
Genau darin liegt der Kern dieser Episode: Die digitale Energiewende braucht technische Exzellenz, aber sie darf sich für Industrie, Mittelstand und private Haushalte nicht kompliziert anfühlen.
Digitale Energiewende: Warum IT zur Schlüsseltechnologie wird
Viele Menschen denken bei Energiewende zuerst an Windkraft, Photovoltaik, Wärmepumpen, Elektroautos oder Batteriespeicher. Das ist nachvollziehbar. Diese Technologien sind sichtbar. Sie stehen auf Dächern, an Straßen, in Kellern oder auf Feldern.
Weniger sichtbar ist die digitale Infrastruktur dahinter. Genau sie wird aber immer wichtiger.
Jens Zerbst beschreibt IT im Gespräch zunächst als Support-Funktion. Vattenfall sei kein IT-Unternehmen, sondern ein Energieunternehmen. Aber ohne IT lasse sich die Dekarbonisierung des Energiesystems nicht mehr umsetzen. Diese Aussage ist zentral. Denn die digitale Energiewende bedeutet nicht, dass IT plötzlich Selbstzweck wird. Sie bedeutet, dass digitale Systeme die Voraussetzung dafür schaffen, ein zunehmend dezentrales, volatiles und sektorübergreifendes Energiesystem überhaupt betreiben zu können.
Früher war das Energiesystem stark erzeugungszentriert. Große Kraftwerke produzierten Strom planbar und regelbar. Die Nachfrage wurde bedient. Heute verschiebt sich diese Logik. Erneuerbare Energien erzeugen dann, wenn Wind und Sonne verfügbar sind. Gleichzeitig kommen neue Verbraucher hinzu: Wärmepumpen, Elektroautos, Batteriespeicher, Elektrolyseure und industrielle Prozesse, die zunehmend elektrifiziert werden.
Damit steigt die Komplexität massiv.
Die entscheidende Frage lautet also nicht mehr nur: Wie erzeugen wir genug erneuerbaren Strom? Sondern: Wie koordinieren wir Millionen dezentraler Anlagen, Verbraucher, Speicher und Marktteilnehmer so, dass das System stabil, bezahlbar und resilient bleibt?
Hier wird IT zum Betriebssystem der Energiewende.
Flexibilität ist der neue Rohstoff der Energiewirtschaft
Ein zentrales Thema im Gespräch mit Jens Zerbst ist Flexibilität. Im internationalen Kontext spricht er häufig von „Flex“. Gemeint ist die Fähigkeit, Erzeugung, Verbrauch und Speicherung so zu steuern, dass sie besser zum Zustand des Energiesystems passen.
Flexibilität kann auf sehr unterschiedlichen Ebenen entstehen. Große Pumpspeicherwerke können Regelenergie bereitstellen. Industriebetriebe können Prozesse verschieben oder Speicher einsetzen. Haushalte können Wallboxen, Wärmepumpen oder Batteriespeicher intelligent steuern. Mieterstrommodelle können lokale Erzeugung und lokalen Verbrauch besser zusammenbringen.
Die digitale Energiewende braucht diese Flexibilität, weil erneuerbare Energien nicht nach unserem Verbrauchsplan produzieren. Sie produzieren nach Wetterlage. Das ist kein Problem, wenn das System ausreichend intelligent reagiert. Es wird aber zum Problem, wenn Verbrauch und Erzeugung weiterhin so behandelt werden, als gäbe es nur zentrale, steuerbare Großkraftwerke.
Jens Zerbst macht deutlich: Flexibilität ist technisch möglich, aber sie ist komplex. Sie berührt Marktmechanismen, Regulierung, Netzbetrieb, IT-Architekturen, Schnittstellen, Cybersecurity und Geschäftsmodelle.
Deshalb reicht es nicht, einfach eine Batterie irgendwo hinzustellen. Entscheidend ist, wie diese Batterie eingesetzt wird. Lädt sie zu den richtigen Zeiten? Entlädt sie systemdienlich? Reagiert sie auf Netzsignale? Kann sie mehrere Erlösquellen kombinieren? Wird sie automatisch optimiert?
Das gilt im Großen wie im Kleinen.
Auch private Heimspeicher laufen heute häufig noch nicht optimal. Viele Speicher laden morgens mit PV-Strom voll und sind mittags bereits gefüllt. Genau dann speisen die PV-Anlagen ungebremst ins Netz ein. Aus Systemsicht ist das nicht ideal. Intelligenter wäre es, Speicher so zu fahren, dass sie Netzspitzen vermeiden, Preissignale berücksichtigen und erneuerbare Erzeugung besser integrieren.
Die Technologie ist vorhanden. Der nächste Schritt ist die skalierbare digitale Steuerung.
Smart Meter als Fundament der digitalen Energiewende
Ohne Daten keine Steuerung. Ohne Steuerung keine Flexibilität. Ohne Flexibilität keine skalierbare Energiewende.
Deshalb nimmt das Thema Smart Meter im Gespräch breiten Raum ein. Jens Zerbst verweist darauf, dass skandinavische Länder beim Smart-Meter-Rollout deutlich weiter sind als Deutschland. Dort existiert bereits eine andere digitale Basis, auf der neue Anwendungen schneller entwickelt und skaliert werden können.
Smart Meter sind dabei weit mehr als digitale Stromzähler. Sie liefern Verbrauchs- und Einspeisedaten, ermöglichen bessere Prognosen, schaffen Transparenz im Netz und können perspektivisch zur Steuerung flexibler Verbraucher beitragen.
In Deutschland wird der Smart-Meter-Rollout oft vor allem regulatorisch diskutiert. Zertifizierungen, Sicherheitsanforderungen, BSI-Vorgaben, Kosten und Zuständigkeiten prägen die Debatte. Das ist nicht falsch, aber es verstellt manchmal den Blick auf den eigentlichen Nutzen.
Denn Smart Meter sind kein Selbstzweck. Sie sind eine Voraussetzung dafür, dass Wärmepumpen, Wallboxen, Batteriespeicher, PV-Anlagen und industrielle Lasten intelligent in ein Gesamtsystem eingebunden werden können.
Gerade bei §14a EnWG wird deutlich, wie wichtig diese Steuerbarkeit wird. Netzbetreiber benötigen Möglichkeiten, steuerbare Verbrauchseinrichtungen netzdienlich zu führen. Gleichzeitig müssen Verbraucherinnen und Verbraucher davon profitieren können. Der reine Push-Mechanismus reicht nicht. Die Menschen müssen verstehen, welchen Nutzen intelligente Steuerung bringt.
Ich formuliere im Gespräch einen Gedanken, der genau diesen Punkt trifft: „es darf, wie du es sagst, niemand diese dynamischen Preise sehen und sich darüber Gedanken machen müssen“.
Das ist ein zentraler Satz für die digitale Energiewende. Die Komplexität darf nicht beim Nutzer landen.
„Install and forget“: Warum Einfachheit über Skalierung entscheidet
Ein besonders starker Begriff aus dem Gespräch ist „install and forget“. Gemeint ist: Digitale Energielösungen müssen so funktionieren, dass Nutzerinnen und Nutzer sie einmal installieren und danach nicht permanent aktiv managen müssen.
Das klingt simpel. Ist aber strategisch entscheidend.
Dynamische Stromtarife, flexible Laststeuerung, Batteriespeicheroptimierung, Wärmepumpensteuerung oder Mieterstrommodelle sind für Fachleute hochspannend. Für viele private Haushalte und mittelständische Unternehmen sind sie dagegen zunächst abschreckend komplex.
Niemand möchte täglich Strompreise analysieren, Fahrpläne optimieren oder manuell entscheiden, wann die Wärmepumpe laufen soll. Genau hier muss die digitale Energiewende ihre Stärke ausspielen: Sie muss Komplexität im Hintergrund beherrschen und vorne einfache, vertrauenswürdige Lösungen anbieten.
Ich sage im Gespräch dazu: „install and forget, einfach automatisch funktionieren.“
Das ist keine Bequemlichkeit. Das ist Skalierungslogik.
Wenn Energieflexibilität nur für Experten funktioniert, wird sie ein Nischenphänomen bleiben. Wenn sie aber automatisiert, standardisiert und wirtschaftlich attraktiv ist, kann sie zum Massenmarkt werden.
Für den Mittelstand ist das besonders relevant. Viele Unternehmen stehen unter hohem Energiekostendruck. Gleichzeitig fehlt häufig die interne Expertise, um Strommärkte, Netzentgelte, Speicher, Flexibilitätsoptionen, Prognoseabweichungen und Beschaffungsstrategien im Detail zu bewerten. Hier braucht es digitale Lösungen, die Komplexität reduzieren und konkrete wirtschaftliche Entscheidungen ermöglichen.
Die digitale Energiewende muss deshalb nicht nur technisch richtig sein. Sie muss nutzbar sein.
Sektorenkopplung erhöht die Komplexität – und das Potenzial
Ein weiterer zentraler Punkt im Gespräch ist die sektorübergreifende Integration. Die Energiewende betrifft nicht nur den Stromsektor. Sie betrifft Wärme, Mobilität, Industrie und Gebäude.
Jens Zerbst betont, dass eine echte Transformation nur gelingt, wenn diese Sektoren zusammengedacht werden. Genau hier entsteht enorme Komplexität, aber auch enormes Potenzial.
Wärmepumpen sind dafür ein gutes Beispiel. Wärme ist im Vergleich zu Strom häufig träger. Ein Gebäude kühlt nicht sofort aus, wenn eine Wärmepumpe für kurze Zeit weniger Leistung aufnimmt. Das schafft Flexibilität. Ähnliches gilt für industrielle Wärmeprozesse, Wärmespeicher oder Fernwärmesysteme.
Wenn diese Flexibilität digital erschlossen wird, entsteht ein riesiger systemischer Hebel. Gebäude, Speicher, Netze und Verbraucher werden dann nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Gesamtsystems.
Gerade in Deutschland ist dieses Denken noch nicht selbstverständlich. Häufig werden Technologien einzeln diskutiert: Wärmepumpe hier, Wallbox dort, Speicher separat, PV-Anlage oben drauf. Die eigentliche Musik spielt aber in der Orchestrierung.
Die digitale Energiewende braucht deshalb Plattformen, Schnittstellen, Standards und klare Verantwortlichkeiten. Wer darf wann steuern? Welche Priorität hat Netzsicherheit? Welche Rolle spielen Stromlieferanten, Aggregatoren, Verteilnetzbetreiber und Übertragungsnetzbetreiber? Wie werden wirtschaftliche Anreize gesetzt? Wie wird Missbrauch verhindert? Wie bleibt das System cyber-sicher?
Das sind keine Randfragen. Das sind Kernfragen der nächsten Phase der Energiewende.
Cybersecurity und Resilienz: Ohne Sicherheit keine Akzeptanz
Jens Zerbst kommt ursprünglich stark aus der IT-Sicherheit. Das merkt man im Gespräch. Für ihn ist klar: Ein digitalisiertes Energiesystem muss sicher sein. Punkt.
Je mehr Anlagen, Verbraucher und Speicher vernetzt werden, desto größer wird die Angriffsfläche. Gleichzeitig handelt es sich beim Energiesystem um kritische Infrastruktur. Versorgungssicherheit ist nicht verhandelbar.
Deshalb ist Cybersecurity kein Bremsklotz der digitalen Energiewende, sondern eine Voraussetzung für Vertrauen und Skalierung. Sicherheitsstandards, Authentifizierung, Autorisierung, Nachvollziehbarkeit und robuste Architekturen müssen von Anfang an mitgedacht werden.
Dabei entsteht ein Spannungsfeld: Zu wenig Sicherheit ist gefährlich. Zu viel Komplexität kann den Rollout verlangsamen. Deutschland hat mit den BSI-Vorgaben hohe Anforderungen gesetzt. Jens Zerbst bewertet das aus Sicherheitsperspektive grundsätzlich positiv, weist aber auch darauf hin, dass Sicherheitsanforderungen praktikabel ausgerollt werden müssen.
Das ist ein wichtiger Punkt. Sicherheit darf nicht nur auf dem Papier funktionieren. Sie muss in der Praxis skalierbar sein.
Die digitale Energiewende braucht daher eine Balance aus Schutz, Geschwindigkeit und Nutzbarkeit. Gerade bei Smart Metern, Steuerboxen und digitalen Plattformen wird diese Balance entscheidend sein.
Warum der Mittelstand einfache Business Cases braucht
Im letzten Teil des Gesprächs wird ein Thema besonders wichtig: der Business Case.
Technologische Lösungen setzen sich nicht durch, weil sie theoretisch sinnvoll sind. Sie setzen sich durch, wenn sie wirtschaftlich funktionieren, finanzierbar sind und verständlich erklärt werden können.
Das gilt besonders für den Mittelstand.
Viele mittelständische Unternehmen haben Energie lange vor allem als Beschaffungsthema betrachtet. Strom- und Gaslieferverträge wurden abgeschlossen, Kosten wurden kalkuliert, Prozesse liefen weiter. Doch mit volatilen Märkten, steigenden Netzentgelten, CO₂-Kosten, dynamischeren Preisen und neuen regulatorischen Anforderungen verändert sich die Lage.
Energie wird strategisch.
Unternehmen müssen verstehen, wann sie Energie verbrauchen, wo Flexibilität möglich ist, welche Speicher sinnvoll sind, wie sie Lastspitzen vermeiden können und wie sie Beschaffung, Eigenerzeugung und Verbrauch besser verzahnen.
Das ist anspruchsvoll. Deshalb braucht es digitale Tools, Beratung und Geschäftsmodelle, die nicht nur technische Daten liefern, sondern Entscheidungen ermöglichen.
Die digitale Energiewende muss für den Mittelstand übersetzt werden in klare Fragen:
Wann lohnt sich ein Speicher?
Welche Prozesse können flexibilisiert werden?
Wie wirken sich Netzentgelte aus?
Welche Rolle spielen dynamische Tarife?
Wie kann Eigenverbrauch optimiert werden?
Welche Risiken entstehen durch Nicht-Handeln?
Wenn diese Fragen verständlich beantwortet werden, entsteht ein Pull-Effekt. Unternehmen machen mit, weil sie den Nutzen sehen. Nicht, weil sie abstrakt zur Transformation aufgefordert werden.
Digitale Energiewende bedeutet: Komplexität beherrschbar machen
Was bleibt aus dem Gespräch mit Jens Zerbst?
Für mich vor allem diese Erkenntnis: Die Energiewende wird in der nächsten Phase weniger an der einzelnen Technologie entschieden, sondern stärker an der Fähigkeit, Technologien intelligent zu verbinden.
Wir brauchen erneuerbare Erzeugung. Wir brauchen Netzausbau. Wir brauchen Speicher. Wir brauchen Wärmepumpen, Elektromobilität und industrielle Elektrifizierung.
Aber wir brauchen vor allem ein digitales Betriebssystem, das diese Elemente orchestriert.
Die digitale Energiewende bedeutet daher nicht: mehr Apps, mehr Dashboards, mehr Daten um der Daten willen. Sie bedeutet: bessere Steuerung, bessere Prognosen, bessere Marktintegration, höhere Resilienz und einfachere Nutzung.
Jens Zerbst bringt dafür eine Perspektive mit, die in der Energiewirtschaft dringend gebraucht wird. Er denkt IT nicht als Nebenfunktion, sondern als Ermöglicher für ein komplexes, sektorübergreifendes und flexibles Energiesystem.
Gleichzeitig wird deutlich: Digitalisierung allein löst die Energiewende nicht. Sie ist kein Zauberstab. Aber ohne Digitalisierung wird die Energiewende nicht skalieren.
Das Ziel muss deshalb sein, die Komplexität des Energiesystems nicht zu leugnen, sondern sie digital beherrschbar zu machen.
Für Netzbetreiber.
Für Energieversorger.
Für Industrie und Mittelstand.
Für private Haushalte.
Und für ein Energiesystem, das bezahlbar, resilient und klimaneutral werden soll.
Fazit: Die digitale Energiewende braucht Vertrauen, Standards und Einfachheit
Die Folge mit Jens Zerbst zeigt sehr klar: Die digitale Energiewende ist kein Zukunftsthema mehr. Sie ist Gegenwart.
Smart Meter, flexible Lasten, Speicher, dynamische Tarife, Steuerboxen, Plattformen, Cybersecurity und sektorübergreifende Integration werden darüber entscheiden, ob die Energiewende vom Ausbauprojekt zum funktionierenden Gesamtsystem wird.
Der vielleicht wichtigste Gedanke lautet: Es muss einfach werden.
Denn nur wenn digitale Lösungen im Hintergrund hochkomplexe Aufgaben übernehmen und vorne verständlich, sicher und wirtschaftlich attraktiv sind, werden sie in der Breite akzeptiert.
Oder anders gesagt: Die Energiewende braucht nicht nur mehr Technik. Sie braucht Technik, die Menschen und Unternehmen wirklich nutzen wollen.
Genau das macht diese Episode von „Energie im Wandel“ so relevant. Sie zeigt, warum IT, Smart Meter und Flexibilität nicht nur Begleitmusik sind, sondern zum Betriebssystem der Energiewende werden können.
Hier gehts direkt zur Folge: Wie Jens Zerbst die Energiewende digital, flexibel und skalierbar machen will